Wir können uns nach Veränderung sehnen und gleichzeitig an dem festhalten, was uns vertraut ist. Aus NARM-Perspektive ist das kein Widerspruch. Oft begegnen sich darin zwei wichtige Bewegungen: der Wunsch nach etwas Neuem und das Bedürfnis, das zu bewahren, was lange Sicherheit gegeben hat.
Viele Menschen kennen diese Erfahrung.
Wir wünschen uns mehr Freiheit, Ruhe oder Nähe. Vielleicht möchten wir weniger funktionieren, klarer Grenzen setzen oder Entscheidungen stärker danach treffen, was für uns selbst stimmig ist.
Und trotzdem geschieht etwas Merkwürdiges.
Je näher die Veränderung kommt, desto deutlicher werden Zweifel.
Unsicherheit.
Vielleicht Angst.
Oder der Impuls, doch wieder bei dem zu bleiben, was wir kennen.
Dann kann schnell die Frage entstehen:
„Warum halte ich an etwas fest, obwohl ich doch weiß, dass ich etwas anderes möchte?“
Aus der Perspektive von NARM™ müssen wir darin nicht sofort ein Hindernis sehen.
Vielleicht gibt es einen guten Grund dafür, dass das Alte nicht einfach verschwinden möchte.
Das Vertraute hat uns etwas gegeben
Wenn uns etwas heute einschränkt, erscheint es naheliegend, es verändern zu wollen.
Doch unsere vertrauten Muster sind nicht zufällig entstanden.
Leistung kann Anerkennung gebracht haben.
Anpassung konnte Beziehungen erhalten.
Kontrolle gab vielleicht Orientierung.
Selbstständigkeit half, wenn Unterstützung nicht zuverlässig verfügbar war.
Das bedeutet nicht, dass wir diese Strategien für immer brauchen.
Aber es bedeutet, dass wir verstehen können, weshalb Veränderung nicht nur Befreiung bedeutet.
Mit etwas Neuem kann auch die Frage auftauchen, was wir verlieren könnten.
Und genau dort wird Veränderung interessant.
Wenn Veränderung die eigene Sicherheit berührt
Ein Klient beschrieb beispielsweise den Wunsch, weniger zu funktionieren und sich selbst mehr Raum zu geben.
Über viele Jahre hatte er sich als sehr effektiv erlebt.
Er war verlässlich, übernahm Verantwortung und wurde gebraucht.
Gleichzeitig war er erschöpft.
Als wir uns seinem Wunsch nach mehr Ruhe näherten, zeigte sich jedoch nicht einfach Erleichterung.
Es entstand Unsicherheit.
Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr so funktioniere?
Bin ich weiterhin wichtig, wenn ich weniger leiste?
Bleiben meine Beziehungen bestehen?
Damit wurde etwas Wesentliches sichtbar:
Seine Leistungsfähigkeit war nicht einfach ein störendes Muster.
Sie war mit Zugehörigkeit, Anerkennung und seinem Bild von sich selbst verbunden.
Wenn wir nur versuchen würden, dieses Verhalten loszuwerden, würden wir übersehen, was es für ihn lange geschützt und ermöglicht hatte.
Wenn Altes und Neues gleichzeitig da sind
Veränderung kann deshalb einen inneren Konflikt sichtbar machen.
Ein Teil unseres Erlebens bewegt sich in Richtung dessen, was wir heute möchten.
Ein anderer orientiert sich an dem, was vertraut ist und lange Sicherheit gegeben hat.
Wir können uns nach Nähe sehnen und gleichzeitig Abstand herstellen.
Wir können Ruhe wollen und nervös werden, sobald wir nichts tun.
Wir können eine Grenze setzen wollen und gleichzeitig Angst haben, jemanden zu enttäuschen.
Wir können selbstbestimmter leben wollen und uns fragen, ob wir dadurch Zugehörigkeit verlieren.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Das eine macht das andere nicht weniger echt.
Entwicklungstrauma und die Bedeutung früher Anpassungen
Gerade im Zusammenhang mit Entwicklungstrauma können solche inneren Konflikte verständlicher werden.
Kinder sind auf Beziehung angewiesen.
Wenn Nähe, Zugehörigkeit oder Sicherheit davon abhängen, bestimmte Seiten von sich zurückzuhalten oder sich stark an die Umgebung anzupassen, können daraus sehr wirksame Strategien entstehen.
Vielleicht wird Leistung wichtig.
Vielleicht Anpassung.
Vielleicht Kontrolle oder große Selbstständigkeit.
Diese Strategien können später so selbstverständlich werden, dass sie sich wie ein Teil unserer Persönlichkeit anfühlen.
Wenn wir beginnen, uns anders zu verhalten, verändern wir deshalb manchmal nicht nur eine Gewohnheit.
Wir berühren etwas, das lange mit Sicherheit und Beziehung verbunden war.
Mehr darüber, wie frühe Beziehungserfahrungen unser heutiges Erleben prägen können, findest du auf meiner Seite zum Thema Entwicklungstrauma.
Wer bin ich, wenn ich mich verändere?
Manche Veränderungen berühren unser Selbstbild.
Wer bin ich, wenn ich nicht mehr derjenige bin, der alles schafft?
Was geschieht, wenn ich nicht mehr automatisch für andere da bin?
Bin ich noch wertvoll, wenn ich weniger leiste?
Darf ich etwas für mich wollen, auch wenn ein anderer Mensch etwas anderes möchte?
Solche Fragen lassen sich nicht immer mit einer vernünftigen Antwort beruhigen.
Denn häufig geht es nicht nur darum, was wir wissen.
Es geht darum, wie wir uns erleben, wenn wir tatsächlich beginnen, anders mit uns selbst und anderen in Beziehung zu sein.
Darf ich mich für mich entscheiden und in Beziehung bleiben?
Besonders deutlich wird dieser Konflikt in Beziehungen.
Vielleicht möchtest du mehr eigenen Raum und fürchtest gleichzeitig, dass dein Gegenüber sich zurückgewiesen fühlt.
Vielleicht möchtest du „Nein“ sagen und bemerkst sofort den Impuls, dich zu erklären.
Oder du weißt eigentlich, was du möchtest – und beginnst trotzdem zuerst darüber nachzudenken, was für den anderen richtig wäre.
Dann kann sich Autonomie anfühlen, als müsste sie auf Kosten von Beziehung entstehen.
Entweder ich bleibe bei mir – oder ich bleibe mit dem anderen verbunden.
Doch vielleicht muss es langfristig kein Entweder-oder bleiben.
Eine erwachsene Beziehung kann Unterschiede enthalten.
Ich kann etwas für mich wollen und mich weiterhin für den anderen interessieren.
Ich kann eine Grenze haben und verbunden bleiben.
Ich kann mich verändern, ohne meine Beziehungen automatisch verlassen zu müssen.
Dass wir das gedanklich verstehen, bedeutet allerdings noch nicht, dass es sich sofort sicher anfühlt.
Neue Erfahrungen brauchen manchmal Zeit.
Auch Scham kann Veränderung begleiten
Wenn wir beginnen, uns anders zu zeigen, kann Scham auftauchen.
Vielleicht erscheint plötzlich der Gedanke:
„Ich bin egoistisch.“
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
„Ich dürfte das eigentlich nicht wollen.“
Scham kann uns sehr schnell wieder zu dem zurückführen, was vertraut ist.
Aus NARM-Perspektive interessiert uns deshalb nicht nur, dass Scham auftaucht.
Wir können neugierig darauf werden, was mit uns geschieht, wenn wir sie erleben.
Wie behandeln wir uns dann?
Was glauben wir über uns?
Und was würde passieren, wenn wir den eigenen Wunsch nicht sofort wieder zurücknehmen müssten?
Altes würdigen heißt nicht, darin bleiben zu müssen
Vielleicht liegt darin eine der wichtigen Bewegungen von Veränderung.
Wir müssen unsere alten Strategien nicht schlechtmachen, um neue Möglichkeiten zu entwickeln.
Wir können anerkennen:
Das hat mir einmal geholfen.
Und gleichzeitig fragen:
Brauche ich es heute noch auf dieselbe Weise?
Damit verändert sich auch die Beziehung zu uns selbst.
Aus dem Kampf gegen ein vermeintlich falsches Verhalten kann Interesse entstehen.
Und aus diesem Interesse manchmal etwas, das vorher schwer zugänglich war:
Wahl.
Wie NARM™ Veränderung betrachtet
In NARM™ versuchen wir nicht, einen Menschen in eine bestimmte Richtung zu bewegen.
Im Mittelpunkt steht zunächst seine eigene Intention.
Was möchtest du für dich?
Und was geschieht in dir, wenn du dich diesem Wunsch näherst?
Vielleicht taucht Freude auf.
Vielleicht Lebendigkeit.
Vielleicht gleichzeitig Angst, Scham, Zweifel oder der Wunsch, wieder Abstand zu nehmen.
All das kann Teil des gegenwärtigen Erlebens sein.
Wir müssen nicht entscheiden, welcher Teil „richtig“ ist.
Wir können gemeinsam untersuchen, was diese unterschiedlichen Bewegungen bedeuten und wie du dabei mit dir selbst in Beziehung bist.
So kann langsam mehr Raum entstehen.
Nicht unbedingt dafür, immer die richtige Entscheidung zu treffen.
Sondern dafür, mehr bei dir bleiben zu können, während du entscheidest.
Mehr über diesen therapeutischen Ansatz findest du auf meiner Seite zur NARM Therapie.
Wenn etwas Neues möglich wird
Veränderung geschieht nicht immer in großen Schritten.
Manchmal beginnt sie in einem sehr kleinen Moment.
Du bemerkst, dass du eigentlich „Nein“ sagen möchtest.
Du erkennst, dass du erschöpft bist, bevor du die nächste Aufgabe übernimmst.
Du bemerkst den Wunsch nach Nähe, ohne dich dafür sofort zu kritisieren.
Oder du siehst, dass ein vertrauter Impuls gerade wieder auftaucht – und musst ihm nicht automatisch folgen.
Das Alte darf dabei weiterhin vorhanden sein.
Es muss nicht verschwinden.
Vielleicht entsteht daneben einfach etwas Neues.
Eine weitere Möglichkeit.
Und manchmal ist genau das Veränderung:
Nicht mehr nur auf eine einzige Weise reagieren zu müssen.
Kostenloses Erstgespräch
Wenn du dich in diesem inneren Konflikt zwischen dem Vertrauten und dem Wunsch nach Veränderung wiedererkennst, können wir gemeinsam schauen, was sich darin für dich zeigt.
In einem kostenlosen und unverbindlichen Erstgespräch kannst du zunächst prüfen, ob dieser therapeutische Ansatz für dich und dein Anliegen passend sein könnte.
Rafael Prentki
Heilpraktiker für Psychotherapie · NARM™
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