Emotionale Vernachlässigung

Wenn das Eigene immer wieder nicht landen konnte

Vielleicht kennen Sie das Gefühl, dass das Eigene in Ihrem Leben nicht selbstverständlich seinen Weg findet.

Ein Wunsch ist da – und trotzdem fällt es schwer, ihm zu folgen.

Sie spüren eine Grenze – und sagen trotzdem Ja.

Oder Sie stehen vor einer Entscheidung und beginnen zu hadern.

Was wäre wirklich das Beste für mich?

Welche Richtung möchte ich einschlagen?

Was möchte ich verändern?

Selbst wenn eine Entscheidung getroffen ist, beginnt manchmal das Nachdenken von Neuem.

War es richtig?

Hätte ich mich anders entscheiden sollen?

Was werden die anderen davon halten?

Gerade wenn es um die Verantwortung für das eigene Leben geht, kann sich dieses innere Abwägen lange hinziehen.

Auch in einer Partnerschaft zeigt es sich vielleicht anders.

Sie möchten nicht mehr alles allein tragen.

Sie wünschen sich mehr Augenhöhe.

Verantwortung teilen.

Eigene Wünsche aussprechen.

Und gleichzeitig ist es nicht selbstverständlich, diese Veränderung tatsächlich in die Beziehung zu bringen.

Im Beruf übernehmen Sie vielleicht mehr, obwohl Sie längst erschöpft sind.

Sie möchten es wirklich gut machen.

Sie sagen Ja zu einer weiteren Aufgabe.

Andere setzen sich leichter durch, während Sie noch überlegen, ob das, was Sie möchten, wirklich in Ordnung ist.

So kann sich ein Erleben entwickeln, als läge das eigene Leben nicht ganz in den eigenen Händen.

Nicht weil Sie keine Wünsche, Bedürfnisse oder Vorstellungen hätten.

Sie sind da.

Aber ihnen zu folgen und die eigene Richtung zu halten, kann sich herausfordernd anfühlen.

Der Blick geht fast wie selbstverständlich zuerst zum Außen.

Was braucht der andere?

Was erwartet der andere?

Was ist möglich?

Was passiert, wenn ich meinen eigenen Weg gehe?

Und die eigene Orientierung kommt häufig erst danach.

Worauf ich in meiner Begleitung achte

Wenn wir gemeinsam auf diese Erfahrungen schauen, interessiert mich nicht nur das, was schwer geworden ist.

Mich interessiert ebenso, was Sie bereits mitbringen.

Vielleicht nehmen Sie andere sehr fein wahr.

Sie spüren schnell, wie es Ihrem Gegenüber geht.

Sie hören aufmerksam zu.

Sie kümmern sich.

Sie möchten es wirklich gut machen.

Sie übernehmen Verantwortung.

Sie tragen Beziehungen und setzen sich dafür ein, dass Verbindung bestehen bleibt.

Das sind Fähigkeiten, die sich über viele Jahre entwickelt haben und die Ihnen in Ihrem Leben wahrscheinlich auch vieles ermöglicht haben.

Deshalb geht es nicht darum, sie loszuwerden.

Wir können zunächst würdigen, wie selbstverständlich Sie gelernt haben, das Außen wahrzunehmen.

Und dann langsam neugierig werden:

Wo bleibt dabei das Eigene?

Wie ist es, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auch einen Moment auf Sie richten?

Was ist Ihnen wichtig?

Was brauchen Sie?

Was möchten Sie?

Oft geht es dabei nicht darum, dass das Eigene fehlt.

Sondern darum, wie es sich anfühlt, ihm tatsächlich zu folgen.

Wie ist es, einen eigenen Wunsch in eine Partnerschaft zu bringen?

Eine Grenze auszusprechen?

Bei einer Entscheidung zu bleiben, auch wenn jemand anderes sie vielleicht anders treffen würde?

Und vielleicht wird dabei langsam spürbar, was bisher weniger Raum bekommen hat.

Nicht weil die Aufmerksamkeit für andere falsch wäre.

Sondern weil nun auch die Frage entstehen darf:

Wie ist es mit mir, während ich mit dem anderen bin?

Woher kann emotionale Vernachlässigung kommen?

Manchmal fragen wir uns gemeinsam, wie sich diese Art, in Beziehung zu sein, entwickelt hat.

Dabei müssen nicht immer einzelne große Ereignisse im Vordergrund stehen.

Emotionale Vernachlässigung in der Kindheit kann sich auch in scheinbar kleinen Momenten zeigen, die sich über Tage, Monate und Jahre wiederholen.

Ein Kind spielt voller Freude.

Es entdeckt etwas Neues, probiert sich aus und möchte diesen Moment mit seiner Mutter oder seinem Vater teilen.

Doch der Blick bleibt am Handy.

Für einen Erwachsenen ist dies vielleicht nur ein kurzer Augenblick.

Für das Kind ist es der natürliche Versuch, mit seiner Freude, seiner Neugier und seiner Lebendigkeit beim anderen zu landen.

Wenn solche Momente immer wieder ins Leere gehen, macht das etwas mit einem Kind.

Oder eine Mutter liebt ihr Kind und ist gleichzeitig selbst erschöpft, überfordert oder auf der Suche nach Halt und Sicherheit.

Ihre eigenen Bedürfnisse sind in diesen Momenten sehr präsent.

Das Kind nimmt das wahr.

Es entwickelt feine Antennen dafür, wie es der Mutter geht.

Was sie braucht.

Wann Nähe möglich ist.

Was vielleicht zu viel ist.

Die Aufmerksamkeit richtet sich zunehmend nach außen.

Nicht weil mit dem Kind etwas nicht stimmt.

Sondern weil Beziehung so wichtig ist.

Die eigenen Bedürfnisse, die eigene Kraft, die Neugier, die Freude und auch ein kraftvolles Nein sind weiterhin da.

Doch das Kind kann zunehmend erleben, dass es herausfordernd ist, damit beim anderen zu landen.

Das Eigene lernt aus wichtigen Gründen, sich zurückzuziehen.

Und die Aufmerksamkeit für den anderen kann zu einer sehr vertrauten Form werden, Beziehung zu gestalten und Sicherheit zu finden.

Emotionale Vernachlässigung und ihre Folgen im heutigen Leben

Die Folgen emotionaler Vernachlässigung müssen deshalb nicht bedeuten, dass ein Mensch keinen Zugang zu seinen Bedürfnissen oder seiner Lebendigkeit hat.

Oft zeigt sich vielmehr, dass es schwieriger wird, dem Eigenen zu folgen, sobald andere Menschen wichtig werden.

In meiner Arbeit geht es nicht darum, gegen diese frühen Anpassungen anzukämpfen.

Und auch nicht darum, weniger feinfühlig oder weniger aufmerksam für andere Menschen zu werden.

Mich interessiert, was diese Fähigkeiten Ihnen ermöglicht haben.

Und gleichzeitig interessiert mich, was heute bereits anders möglich ist.

Wir richten unsere Aufmerksamkeit deshalb nicht nur auf das, was schwerfällt.

Vielleicht gibt es bereits Situationen, in denen Sie leichter bei sich bleiben.

Eine Entscheidung, die sich stimmig angefühlt hat.

Einen Moment, in dem Sie Nein gesagt haben.

Einen Wunsch, den Sie ausgesprochen haben.

Oder eine Beziehung, in der Sie sich selbstverständlicher zeigen können.

Auch das gehört zu Ihnen.

Von dort können wir gemeinsam neugierig werden, wie das Eigene zunehmend mehr Halt bekommen kann.

Vielleicht zeigt sich ein Wunsch.

Eine Grenze.

Eine Entscheidung.

Die eigene Kraft.

Oder ein Moment von Lebendigkeit.

Mit der Zeit kann daraus mehr Wahlfreiheit entstehen.

Die Aufmerksamkeit muss sich nicht mehr so selbstverständlich zuerst nach außen richten.

Auch das Eigene darf zunehmend eine Rolle spielen, während Sie mit anderen Menschen in Beziehung sind.

Nicht anstelle des anderen.

Sondern neben dem anderen.

Vielleicht wird es dadurch leichter, eine Entscheidung zu treffen und sie nicht immer wieder infrage stellen zu müssen.

Die eigene Wahrheit auszusprechen, ohne zuerst zu prüfen, ob sie im Außen bestätigt wird.

Verantwortung in einer Partnerschaft zu teilen, statt sie selbstverständlich allein zu tragen.

Ein Nein wahrzunehmen, ohne sich dafür lange schuldig zu fühlen.

Oder eine Richtung für das eigene Leben einzuschlagen, ohne sich im Gedankenkarussell darüber zu verlieren, ob sie für alle anderen ebenfalls richtig ist.

Das, was früher immer wieder nicht landen konnte, darf heute zunehmend Halt finden.

In Ihnen selbst.

Und von dort wieder in Beziehung kommen.

So kann das eigene Leben Schritt für Schritt wieder mehr als etwas erlebt werden, das Sie selbst mitgestalten können.

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Rafael Prentki
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