Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl.
Nach außen scheint vieles zu funktionieren.
Sie übernehmen Verantwortung.
Sie kümmern sich um andere.
Sie leisten.
Und dennoch begleitet Sie manchmal der Eindruck, nie wirklich angekommen zu sein.
Nicht unbedingt im Beruf.
Nicht in einer Beziehung.
Sondern bei sich selbst.
Vielleicht fragen Sie sich immer wieder, warum Sie so viel Kraft aufbringen müssen, obwohl andere scheinbar mühelos durchs Leben gehen.
Warum Nähe gleichzeitig schön und beängstigend sein kann.
Warum Sie sich anpassen, obwohl etwas in Ihnen längst „Nein“ sagen möchte.
Oder weshalb Sie so streng mit sich selbst sind, obwohl Sie sich nichts sehnlicher wünschen als innere Ruhe.
Vielleicht ist es genau diese Sehnsucht, die viele Menschen verbindet.
Nicht die Sehnsucht, endlich ein anderer Mensch zu werden.
Sondern die Sehnsucht, wieder bei sich selbst anzukommen.
Wenn Sie sich darin wiedererkennen, sind Sie nicht allein.
Viele Menschen, die unter den Folgen eines Entwicklungstraumas leiden, beschreiben genau diese Erfahrung.
Nicht als ein einzelnes Ereignis.
Sondern als das Gefühl, sich im Laufe des Lebens immer weiter von sich selbst entfernt zu haben.
Vielleicht beginnt genau hier die Reise
Entwicklungstrauma ist für mich deshalb nicht nur die Geschichte dessen, was einem Menschen widerfahren ist.
Es ist auch die Geschichte einer Reise.
Nicht einer Reise weg von der Vergangenheit.
Sondern einer Reise zurück zu sich selbst.
Vor einiger Zeit hatte ich einen Traum.
Darin tauchten zwei Worte auf, die mir zunächst nichts sagten:
Tahir und Ohe.
Erst später begann ich, mich mit ihnen zu beschäftigen.
Historisch und sprachlich gehören sie nicht zusammen.
Tahir stammt aus dem Arabischen und bedeutet rein, geläutert.
Ohe ist ein altes germanisches Wort für einen Bach oder Wasserlauf.
Historisch verbindet diese beiden Worte nichts.
Und doch entstand in mir ein gemeinsames Bild.
Nicht als Erklärung meines Traums.
Nicht als Wahrheit.
Sondern als Einladung, Entwicklungstrauma auf eine andere Weise zu betrachten.
Der Bach
Ein Bach kämpft nicht.
Er fließt.
Manchmal ruhig.
Manchmal kraftvoll.
Manchmal verändert er seinen Lauf.
Nicht, weil mit dem Wasser etwas nicht stimmt.
Sondern weil die Landschaft es so verlangt.
Je länger ich dieses Bild betrachtete, desto mehr erinnerte es mich an die Menschen, die ich in meiner Praxis begleite.
Entwicklungstrauma verändert nicht unser Wesen
Als Kinder können wir uns die Landschaft, in der wir aufwachsen, nicht aussuchen.
Unser Nervensystem reagiert auf das, was möglich ist.
Vielleicht lernen wir, unsere Bedürfnisse zurückzuhalten.
Vielleicht wird Wut gefährlich.
Vielleicht fühlt sich Nähe unsicher an.
Vielleicht glauben wir irgendwann, stark sein zu müssen.
Oder niemandem zur Last fallen zu dürfen.
All das sind keine Fehler.
Es sind intelligente Anpassungen.
Wie ein Bach, der seinen Lauf verändert, weil die Landschaft ihn dazu einlädt.
Nicht gegen das Leben.
Sondern für das Leben.
Deshalb interessieren mich Schutzstrategien nicht als Defizit.
Sie erzählen die Geschichte eines Menschen, der alles getan hat, was ihm damals möglich war.
Die Landschaft verändert sich
Ein Bach fließt nie unabhängig von seiner Umgebung.
Er antwortet auf Felsen.
Auf Gefälle.
Auf Kurven.
Auf alles, was ihm begegnet.
Vielleicht entwickeln auch wir unsere Schutzstrategien als Antwort auf die Landschaft, in der wir aufgewachsen sind.
Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo wir bemerken:
Die Landschaft von damals ist nicht mehr die Landschaft von heute.
Unser Nervensystem muss seine Geschichte nicht vergessen.
Es darf langsam entdecken, dass heute neue Erfahrungen möglich werden.
Vielleicht sind genau das die ersten Momente, in denen wir wieder etwas mehr bei uns selbst ankommen.
Nicht als Ziel.
Sondern als Erfahrung.
Reinheit
Das Wort Tahir bedeutet Reinheit.
Mich berührt daran nicht die Vorstellung von Perfektion.
Sondern etwas anderes.
Vielleicht beschreibt Reinheit den Moment, in dem wir nichts mehr hinzufügen müssen.
Nichts beweisen.
Nichts verstecken.
Nichts festhalten.
Ein Gebirgsbach wird nicht klar, weil er sich bemüht.
Er bleibt klar, weil er fließen darf.
Vielleicht gilt das auch für uns.
Nicht alles in unserem Leben lässt sich verändern.
Aber manchmal beginnt etwas in Bewegung zu kommen, wenn wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen.
Was NARM™ für mich bedeutet
In meiner therapeutischen Arbeit mit dem NeuroAffective Relational Model™ (NARM) interessiert mich nicht, wie jemand hätte sein sollen.
Mich interessieren auch Schutzstrategien nicht als Problem.
Sie erzählen die Geschichte eines Menschen, der einen Weg gefunden hat, in Beziehung zu bleiben.
Sie verdienen Respekt.
Deshalb geht es für mich in Therapie nicht darum, etwas zu reparieren.
Mich interessiert vielmehr die Frage:
Was möchte sich heute entfalten, wenn die Landschaft eine andere geworden ist?
Was geschieht, wenn mehr Kontakt möglich wird?
Wenn der Atem freier wird.
Wenn der Körper etwas weicher wird.
Wenn wir entdecken, dass wir heute Wahlmöglichkeiten haben, die früher nicht zur Verfügung standen.
Immer wieder erlebe ich, dass Menschen genau in diesen Momenten etwas beschreiben, wonach sie sich oft schon lange gesehnt haben:
Sie kommen ein Stück mehr bei sich selbst an.
Nicht weil alle Probleme verschwunden wären.
Sondern weil sie sich selbst wieder näher sind.
Vielleicht beginnt jede Reise genau so
Heute glaube ich nicht mehr, dass mein Traum Antworten geben wollte.
Vielleicht war er einfach eine Einladung.
Eine Einladung, mich auf den Weg zu machen.
Vielleicht ist das auch die Einladung, die Entwicklungstrauma für uns bereithält.
Nicht zu einem besseren Menschen zu werden.
Nicht die Vergangenheit ungeschehen zu machen.
Sondern Schritt für Schritt den Weg zurück zu dem Menschen zu finden, der wir unter all unseren Anpassungen immer gewesen sind.
Wie ein Bach.
Er kennt sein Ziel nicht.
Er besitzt keine Landkarte.
Und doch hört er nie auf zu fließen.
Vielleicht liegt genau darin die Hoffnung.
Nicht irgendwann ein fertiger Mensch zu sein.
Sondern immer wieder bei sich selbst anzukommen.
Nicht als endgültiges Ziel.
Sondern als lebendige Erfahrung.
Ein Moment, in dem wir wieder unseren Atem spüren.
Unseren Körper.
Unsere Gefühle.
Unsere Bedürfnisse.
Von dort aus darf sich das Leben weiter entfalten.
Schicht für Schicht.
Begegnung für Begegnung.
Vielleicht bedeutet Heilung deshalb nicht, irgendwann fertig zu sein.
Vielleicht bedeutet sie, immer wieder bei sich selbst anzukommen – und genau von dort aus neugierig zu bleiben, wohin das Leben uns als Nächstes einlädt.



