Die Kontakt-Überlebensstrategie im NARM beschreibt einen frühen Konflikt: Wir sind auf Verbindung angewiesen – und können gleichzeitig lernen, Teile unseres eigenen Erlebens zurückzunehmen, wenn Kontakt nicht ausreichend möglich ist.
Kontakt gehört zu unserem Menschsein
Wir Menschen sind von Beginn unseres Lebens auf Beziehung angewiesen.
Wir brauchen andere Menschen nicht nur für Versorgung und Schutz. In Beziehung entwickeln wir auch ein Gefühl dafür, dass wir mit unserem Erleben willkommen sind.
Mit unserer Freude.
Unserer Unruhe.
Unserem Bedürfnis nach Nähe.
Unserer Neugier.
Unserer Lebendigkeit.
Wenn ein Kind damit immer wieder auf einen anderen Menschen trifft, kann etwas sehr Grundlegendes erfahren werden:
Ich bin da – und ich kann mit dem, was ich erlebe, in Beziehung sein.
Doch nicht jedes Kind kann diese Erfahrung ausreichend machen.
Manchmal sind Eltern selbst überfordert, emotional wenig erreichbar oder mit eigenen Belastungen beschäftigt.
Manchmal gibt es wenig Raum für Nähe oder emotionalen Austausch.
Und manchmal können die Gründe sehr viel komplexer sein.
Ein Kind kann diese Situation nicht einfach verlassen.
Es muss einen Weg finden, mit dem Kontakt umzugehen, der tatsächlich möglich ist.
Die Kontakt-Überlebensstrategie im NARM
Im NeuroAffective Relational Model (NARM™) werden fünf adaptive Überlebensstrategien beschrieben.
Die Kontakt-Überlebensstrategie bezieht sich auf sehr frühe Erfahrungen rund um Kontakt, Dasein und die eigene Lebendigkeit.
Dabei ist wichtig:
Eine Überlebensstrategie ist keine Persönlichkeitsschublade und keine Diagnose.
Sie beschreibt eine Form der Anpassung.
Wenn bestimmte Aspekte des eigenen Erlebens in Beziehung schwer Platz finden konnten, kann es sinnvoll werden, den Kontakt zu ihnen zurückzunehmen.
Nicht bewusst.
Nicht als Entscheidung.
Sondern als Möglichkeit, mit der damaligen Situation umzugehen.
Deshalb interessiert uns heute weniger:
„Welche Überlebensstrategie bin ich?“
Sondern vielmehr:
„Wie zeigt sich diese Anpassung heute in meinem Leben?“
Wenn Kontakt gewünscht ist – und gleichzeitig schwierig wird
Im Erwachsenenleben kann sich dieser Konflikt sehr unterschiedlich zeigen.
Vielleicht wünschen Sie sich Nähe und merken gleichzeitig, dass Sie sich zurückziehen, sobald ein anderer Mensch Ihnen wirklich nahekommt.
Vielleicht sind Sie gern mit Menschen zusammen und fühlen sich dennoch häufig wie ein Beobachter.
Vielleicht können Sie sehr gut über Erfahrungen sprechen – und bemerken gleichzeitig, dass Sie währenddessen wenig davon fühlen.
Oder Sie leben viel über Denken, Analysieren und Verstehen.
All das muss nichts mit einer Kontakt-Überlebensstrategie zu tun haben.
Interessant wird es dort, wo ein wiederkehrender innerer Konflikt sichtbar wird:
Ich möchte Kontakt – und etwas in mir entfernt sich gleichzeitig davon.
Denken kann eine große Fähigkeit sein
In älteren Beschreibungen der Kontakt-Überlebensstrategie wird häufig eine starke Orientierung am Denken beschrieben.
Das kann tatsächlich vorkommen.
Ein Mensch versteht sehr viel.
Er beobachtet genau.
Er kann Zusammenhänge hervorragend analysieren.
Und manchmal ist es leichter, eine Erfahrung zu verstehen, als unmittelbar mit ihr in Kontakt zu sein.
Aus NARM-Perspektive müssen wir das Denken deshalb nicht zum Problem erklären.
Es kann eine enorme Ressource sein.
Interessanter ist die Frage:
Was geschieht mit meinem Erleben, während ich versuche, etwas zu verstehen?
Vielleicht bleibt beides verfügbar.
Denken und Fühlen.
Und vielleicht bemerken wir manchmal, dass das Denken genau dort stärker wird, wo unmittelbares Erleben schwieriger wird.
Diese Beobachtung allein kann bereits etwas sichtbar machen – ohne dass wir das Denken loswerden müssen.
Auch Spiritualität kann unterschiedliche Bedeutungen haben
Ähnliches gilt für Spiritualität.
Spirituelle Erfahrungen und Praktiken können tiefe Quellen von Sinn, Verbundenheit und Orientierung sein.
Und manchmal können spirituelle Vorstellungen gleichzeitig helfen, Abstand zu Erfahrungen zu halten, die schwer auszuhalten sind.
Nicht die Spiritualität selbst ist dann das Problem.
Entscheidend ist vielmehr die Beziehung, die wir zu ihr haben.
Darüber schreibe ich ausführlicher in meinem Artikel Spiritualität und NARM – zwischen Ideal und eigener Erfahrung.
Wie zeigt sich die Kontaktstrategie heute?
Manche Menschen bemerken ihre Anpassungen besonders in Beziehungen.
Vielleicht fällt es schwer, Unterstützung anzunehmen.
Vielleicht entsteht schnell das Gefühl, zu viel zu sein.
Oder das eigene Erleben wird zurückgenommen, sobald ein anderer Mensch wichtig wird.
Andere erleben es eher als Distanz zu sich selbst.
Sie wissen viel über sich – und können gleichzeitig schwer sagen, was sie gerade fühlen oder möchten.
Wieder andere beschreiben eine Sehnsucht nach Lebendigkeit.
Sie funktionieren.
Sie denken.
Sie organisieren.
Sie führen Beziehungen.
Und gleichzeitig fehlt manchmal das Gefühl, wirklich beteiligt zu sein am eigenen Leben.
Keine dieser Erfahrungen beweist eine bestimmte Überlebensstrategie.
Sie können jedoch Ausgangspunkte für eine gemeinsame Erforschung sein.
Es geht nicht darum, mehr Kontakt herstellen zu müssen
Gerade beim Thema Kontakt entsteht schnell ein neues Ziel:
Ich muss offener werden.
Ich sollte mehr fühlen.
Ich muss Menschen näher an mich heranlassen.
Damit würde aus der therapeutischen Arbeit leicht eine weitere Anforderung.
Aus NARM-Perspektive interessiert mich zunächst etwas anderes:
Was geschieht mit Ihnen, wenn Kontakt entsteht?
Vielleicht kommt Freude.
Vielleicht Unsicherheit.
Vielleicht wird der Kopf sehr aktiv.
Vielleicht entsteht der Wunsch, sich zurückzuziehen.
Oder Sie bemerken zunächst überhaupt nichts Besonderes.
Auch das ist eine Erfahrung.
Wir müssen nicht festlegen, was geschehen sollte.
Was möchte ich eigentlich?
Neben der Frage, wie wir uns schützen, ist im NARM eine andere Frage besonders wichtig:
Was möchten Sie?
Vielleicht möchten Sie sich in Beziehungen weniger allein fühlen.
Vielleicht möchten Sie sich einem Menschen zeigen können, ohne sich dabei selbst zu verlieren.
Vielleicht möchten Sie Ihre Gefühle deutlicher wahrnehmen.
Oder Sie wünschen sich schlicht mehr Lebendigkeit.
Dieser Wunsch gibt der therapeutischen Arbeit eine Richtung.
Nicht die Überlebensstrategie bestimmt das Ziel.
Sondern das, was heute für Sie wichtig ist.
Wenn neue Erfahrungen möglich werden
Veränderung bedeutet deshalb nicht, eine alte Strategie abzulegen.
Vielleicht wird vielmehr sichtbar, dass heute mehr Möglichkeiten vorhanden sind als früher.
Sie können etwas von sich zeigen und bemerken, was dabei geschieht.
Sie können Nähe wünschen und gleichzeitig eine Grenze haben.
Sie können denken und gleichzeitig wahrnehmen, was Sie fühlen.
Sie können sich zurückziehen und später wieder Kontakt aufnehmen.
Mit der Zeit muss es vielleicht weniger entweder/oder geben.
Kontakt oder Schutz.
Nähe oder Autonomie.
Denken oder Fühlen.
Vielleicht kann mehr davon gleichzeitig vorhanden sein.
Die NARM-Perspektive
In meiner Arbeit mit dem NeuroAffective Relational Model (NARM™) geht es deshalb nicht darum, frühe Erfahrungen möglichst vollständig zu rekonstruieren.
Ihre Geschichte ist wichtig.
Gleichzeitig zeigt sich vieles von dem, was wir gelernt haben, bereits im gegenwärtigen Kontakt.
Wie ist es, über etwas Persönliches zu sprechen?
Was geschieht, wenn Sie wahrgenommen werden?
Wie reagieren Sie auf Interesse?
Was passiert, wenn Sie etwas möchten?
Und wie gehen Sie mit sich selbst um, während all das geschieht?
So können vertraute Anpassungen zunehmend sichtbar werden.
Nicht um sie wegzumachen.
Sondern damit neben dem Vertrauten wieder mehr Wahl entstehen kann.
Vielleicht beginnt Kontakt genau dort
Kontakt muss nicht bedeuten, einem anderen Menschen möglichst nahe zu sein.
Vielleicht beginnt er viel einfacher.
Mit der Möglichkeit, mit dem eigenen Erleben anwesend zu sein, während wir einem anderen Menschen begegnen.
Manchmal ist das Nähe.
Manchmal eine Grenze.
Manchmal Freude.
Manchmal Unsicherheit.
Und manchmal einfach die Erfahrung:
Ich bin hier.
Nicht alles davon muss verändert werden.
Aber vielleicht darf zunehmend mehr davon in Beziehung einen Platz bekommen.
Rafael Prentki
Heilpraktiker für Psychotherapie · NARM™ Practitioner



