
Komplextrauma – Wenn Verstehen allein nicht ausreicht
Vielleicht beschäftigen Sie sich erst seit Kurzem mit den möglichen Folgen traumatischer Erfahrungen. Vielleicht haben Sie aber auch schon einen langen Weg hinter sich.
Sie haben über Ihre Vergangenheit gesprochen, therapeutische Unterstützung gesucht und Zusammenhänge verstanden. Vielleicht haben Sie Yoga, Meditation oder Atemübungen praktiziert, sich mit Ihrem Körper beschäftigt oder in spirituellen Ritualen intensive Erfahrungen gemacht.
Manches davon war hilfreich. Vielleicht haben Sie sich zeitweise freier, lebendiger oder stärker mit sich selbst verbunden gefühlt.
Und trotzdem begegnen Ihnen bestimmte Schwierigkeiten immer wieder.
Sie setzen sich unter Druck, obwohl Sie sich nach Ruhe sehnen. Sie übernehmen Verantwortung, obwohl Sie längst erschöpft sind. Oder Sie möchten in einer Beziehung Ihre Meinung vertreten und bemerken, wie schwer es Ihnen fällt, bei sich zu bleiben.
Vielleicht fragen Sie sich inzwischen, was Sie noch tun müssen, damit sich wirklich etwas verändert.
Doch möglicherweise geht es nicht darum, noch mehr zu tun.
Vielleicht lohnt es sich, gemeinsam genauer hinzuschauen, was geschieht, wenn Sie beginnen, sich dem zuzuwenden, was Sie sich wünschen.
Was ist Komplextrauma?
Von Komplextrauma sprechen wir, wenn Menschen wiederholt oder über längere Zeit traumatischen Erfahrungen ausgesetzt waren. Häufig handelt es sich um Situationen, in denen sie sich bedroht, ausgeliefert oder machtlos fühlten und kaum Möglichkeiten hatten, sich zu schützen oder der Situation zu entkommen.
Solche Erfahrungen können beispielsweise durch anhaltende Gewalt, sexuellen Missbrauch, schwere emotionale Misshandlung oder andere wiederkehrende Bedrohungen entstehen. Sie können innerhalb der Familie, in Partnerschaften oder unter anderen Lebensbedingungen auftreten, in denen Menschen über längere Zeit einer traumatischen Situation ausgesetzt sind.
Besonders tiefgreifend können diese Erfahrungen sein, wenn sie bereits in der Kindheit beginnen und wichtige Entwicklungsphasen begleiten. Komplexe Traumafolgen können jedoch auch nach traumatischen Erfahrungen im Erwachsenenalter entstehen.
Die Folgen beschränken sich nicht unbedingt auf belastende Erinnerungen. Wiederholte traumatische Erfahrungen können auch beeinflussen, wie Menschen sich selbst wahrnehmen, mit ihren Gefühlen umgehen, ihren Körper erleben und Beziehungen gestalten.
Manche Menschen leben mit anhaltender innerer Anspannung. Andere erleben emotionale Überforderung, starke Scham oder das Gefühl, keinen wirklichen Zugang zu sich selbst zu finden. Auch Schwierigkeiten, anderen Menschen zu vertrauen oder eigene Grenzen wahrzunehmen und zu vertreten, können eine Rolle spielen.
Dabei entwickelt nicht jeder Mensch nach komplexen traumatischen Erfahrungen dieselben Schwierigkeiten.
Komplextrauma und komplexe PTBS – was ist der Unterschied?
Komplextrauma ist ein beschreibender Begriff für komplexe traumatische Erfahrungen und ihre möglichen Folgen. Er ist keine eigenständige psychiatrische Diagnose.
Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS) ist dagegen eine anerkannte Diagnose nach ICD-11.
Neben den Kernsymptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung – dem Wiedererleben traumatischer Ereignisse, der Vermeidung entsprechender Erinnerungen und einem anhaltenden Gefühl gegenwärtiger Bedrohung – umfasst sie drei weitere Bereiche:
- Schwierigkeiten, Gefühle zu regulieren
- ein anhaltend negatives Selbstbild, häufig verbunden mit Scham, Schuld oder Wertlosigkeitsgefühlen
- anhaltende Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen
Nicht jeder Mensch, der komplexe traumatische Erfahrungen gemacht hat, entwickelt eine komplexe PTBS. Einzelne Schwierigkeiten wie Überforderung, Selbstzweifel oder Beziehungsprobleme reichen für eine solche Diagnose nicht aus.
Wie unterscheidet sich Komplextrauma von anderen frühen Belastungen?
Entwicklungstrauma beschreibt, wie belastende Erfahrungen während unserer Entwicklung unser späteres Leben prägen können. Bei Bindungstrauma stehen besonders die Erfahrungen in frühen Beziehungen im Mittelpunkt. Emotionale Vernachlässigung und emotionaler Missbrauch beschreiben unterschiedliche Formen belastender Beziehungserfahrungen.
Komplextrauma richtet den Blick auf wiederholte oder lang anhaltende traumatische Erfahrungen und ihre möglichen weitreichenden Folgen.
Diese Bereiche können sich überschneiden. Nicht jede belastende Kindheitserfahrung führt jedoch zu einem Komplextrauma oder einer komplexen PTBS.
Wenn Verstehen und Übungen nicht ausreichen
Viele Menschen, die sich mit komplexen Traumafolgen beschäftigen, haben bereits einen langen Weg hinter sich.
Sie haben therapeutische Gespräche geführt, belastende Gedanken und Verhaltensweisen besser verstanden oder durch Körpertherapie, Yoga und Meditation einen neuen Zugang zu ihrem Erleben gefunden. Vielleicht haben sie auch in spirituellen oder schamanischen Ritualen intensive und persönlich bedeutsame Erfahrungen gemacht.
All das kann wertvoll sein. Unterschiedliche psychotherapeutische und körperorientierte Verfahren können auf ihre Weise zur Behandlung oder Bewältigung traumatischer Folgen beitragen.
Und dennoch kann es geschehen, dass bestimmte Schwierigkeiten im Alltag bestehen bleiben.
Vielleicht wissen Sie längst, dass Sie sich überfordern. Sie haben gelernt, Ihre Anspannung wahrzunehmen, sich zu beruhigen oder Ihre Grenzen besser zu erkennen.
Doch sobald eine bestimmte Situation entsteht, reagieren Sie wieder auf eine Weise, die Sie eigentlich verändern möchten.
Das bedeutet nicht, dass Ihre bisherigen Erfahrungen wertlos waren oder Sie sich nicht ausreichend bemüht haben.
Vielleicht stellt sich an diesem Punkt eine andere Frage:
Was geschieht eigentlich in diesen Momenten, und welche Bedeutung hat das, was Sie bisher tun?
Was suchen wir eigentlich?
Manche Menschen beschäftigen sich seit vielen Jahren mit ihrer persönlichen Entwicklung.
Sie haben verschiedene Formen der Unterstützung kennengelernt, intensive Erfahrungen gemacht und viel über sich verstanden.
Und trotzdem suchen sie weiter.
Vielleicht entsteht irgendwann die Frage, welche Methode ihnen noch helfen könnte.
Mich interessiert in meiner therapeutischen Arbeit auch eine andere Frage:
Was wünschen Sie sich eigentlich für Ihr Leben?
Vielleicht möchten Sie endlich zur Ruhe kommen.
Vielleicht möchten Sie sich nicht länger falsch fühlen oder ständig an sich arbeiten müssen.
Vielleicht sehnen Sie sich danach, Ihr Leben selbst gestalten zu können, ohne immer wieder die Erwartungen anderer Menschen erfüllen zu müssen.
Oder Sie wünschen sich eine Beziehung, in der Sie sich zeigen können, ohne sich selbst zurückzustellen.
Manchmal ist es gar nicht leicht, diesen Wunsch zu benennen.
Und manchmal wird es besonders schwierig, wenn wir beginnen, uns dem zuzuwenden, was uns wirklich wichtig ist.
Denn vielleicht gerät unser Wunsch mit vertrauten Vorstellungen darüber in Konflikt, wie wir sein sollten, was wir dürfen oder was andere Menschen von uns erwarten.
Wir müssen nicht bereits wissen, wonach wir suchen.
Wir können gemeinsam untersuchen, was Ihnen wichtig ist, was Sie sich wünschen und was geschieht, wenn Sie beginnen, diesem Wunsch näherzukommen.
„Ich kann einfach nicht Nein sagen“
Stellen Sie sich vor, Sie sind seit Monaten bei der Arbeit überlastet.
Sie wissen, dass Sie zu viele Aufgaben übernehmen. Sie haben sich vorgenommen, besser auf Ihre Grenzen zu achten, und vielleicht sogar gelernt, wie Sie ein Nein freundlich und bestimmt formulieren können.
Dann bittet Ihr Vorgesetzter Sie, noch eine zusätzliche Aufgabe zu übernehmen.
Und wieder sagen Sie Ja.
Vielleicht ärgern Sie sich anschließend über sich selbst. Sie wissen schließlich, dass Sie sich damit erneut überfordern.
Doch was ist in diesem Moment geschehen?
Möglicherweise möchten Sie Ihren Vorgesetzten nicht enttäuschen. Vielleicht befürchten Sie, als unzuverlässig oder nicht belastbar zu gelten.
Vielleicht ist es Ihnen aber auch wirklich wichtig, Verantwortung zu übernehmen, gute Arbeit zu leisten und für andere da zu sein.
Gleichzeitig wünschen Sie sich Entlastung.
Wenn Sie sich vorstellen, Nein zu sagen, tauchen möglicherweise Gedanken auf wie:
„Dann denken sie, dass ich nicht gut genug bin.“
Vielleicht spüren Sie Anspannung, Schuld oder Scham. Gleichzeitig sind Sie wütend darüber, dass schon wieder so viel von Ihnen erwartet wird.
Sie möchten Verantwortung übernehmen, ohne sich dabei selbst zu verlieren.
Doch die Veränderung, die Sie sich wünschen, scheint einen Preis zu haben.
Bei komplexen Traumafolgen können solche Konflikte mit früheren Erfahrungen verbunden sein, in denen Anpassung, Kontrolle oder das Zurückstellen eigener Bedürfnisse notwendig erschienen.
Vielleicht war es wichtig, die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen, Konflikte zu vermeiden oder möglichst keine Fehler zu machen.
Was früher geholfen hat, schwierige Situationen zu bewältigen, kann später zu einem vertrauten Umgang mit sich selbst und anderen werden.
Vielleicht liegt die Schwierigkeit deshalb nicht darin, dass Sie nicht wissen, wie man Nein sagt.
Vielleicht müssen wir zunächst verstehen, was ein Nein für Sie bedeutet.
Komplextrauma aus der NARM-Perspektive begleiten
In meiner therapeutischen Arbeit orientiere ich mich am NeuroAffective Relational Model (NARM), einem gegenwarts- und beziehungsorientierten Ansatz zur Arbeit mit Entwicklungstrauma.
Dabei stehen Ihre persönlichen Anliegen und das, was Sie sich für Ihr Leben wünschen, im Mittelpunkt.
Wir interessieren uns gemeinsam dafür, was Sie heute erleben – besonders in den Momenten, in denen Sie etwas verändern möchten und gleichzeitig bemerken, wie schwierig das ist.
Vielleicht sagen Sie:
„Ich möchte endlich mehr für mich einstehen.“
Was bedeutet das für Sie?
Was geschieht, wenn Sie sich vorstellen, tatsächlich für sich einzustehen?
Vielleicht bemerken Sie körperliche Anspannung. Vielleicht tauchen Angst, Schuld oder Scham auf. Möglicherweise entsteht der Gedanke, dass andere Menschen Sie ablehnen könnten.
Gleichzeitig spüren Sie vielleicht Ärger darüber, wie oft Sie Ihre eigenen Wünsche zurückgestellt haben.
Wir betrachten diese Erfahrungen nicht isoliert voneinander.
Unsere Gedanken, Gefühle, körperlichen Reaktionen, unser Selbstbild und unsere Erwartungen an andere Menschen können miteinander verbunden sein.
Dabei geht es nicht darum, eine bestimmte Reaktion zu beseitigen oder Sie zu einer Veränderung zu drängen.
Wir können gemeinsam untersuchen, was in diesem Moment geschieht, welche Bedeutung Ihre bisherigen Anpassungen haben und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben.
Auch die therapeutische Beziehung kann dabei ein wichtiger Erfahrungsraum sein.
Vielleicht fällt es Ihnen schwer, eine andere Meinung zu vertreten, Unterstützung anzunehmen oder zu sagen, dass Ihnen etwas zu viel wird.
Solche Erfahrungen können wir aufgreifen, wenn Sie das möchten.
Dabei berücksichtigen wir, was für Sie im jeweiligen Moment möglich ist. Es geht nicht darum, möglichst intensive Gefühle hervorzurufen oder belastende Erinnerungen erneut durchleben zu müssen.
Vielmehr können wir uns Ihrem gegenwärtigen Erleben in einem Tempo zuwenden, das Ihre Möglichkeiten und Grenzen respektiert.
So kann Raum entstehen, um vertraute innere Konflikte besser zu verstehen und neue Möglichkeiten im Umgang mit sich selbst und anderen zu entwickeln.
Welche Rolle spielt NARM bei komplexen Traumafolgen?
NARM bietet einen therapeutischen Zugang, um gegenwärtige Beziehungsmuster, innere Konflikte und die Bedeutung früherer Anpassungen gemeinsam zu untersuchen.
Der Ansatz ersetzt jedoch nicht grundsätzlich andere Formen der Traumatherapie.
Bei einer diagnostizierten komplexen PTBS werden insbesondere traumafokussierte psychotherapeutische Behandlungen empfohlen. Welche Unterstützung sinnvoll ist, hängt von der individuellen Situation, den Beschwerden und dem jeweiligen Behandlungsbedarf ab.
NARM kann eine mögliche Form der therapeutischen Begleitung sein. Dabei ist wichtig, gemeinsam zu prüfen, welcher Rahmen angemessen ist und ob gegebenenfalls eine andere oder ergänzende Behandlung benötigt wird.
Therapeutische Begleitung bei Komplextrauma in Berlin und online
Wenn Sie sich in einigen dieser Erfahrungen wiedererkennen und sich mit den möglichen Folgen komplexer traumatischer Erfahrungen beschäftigen möchten, begleite ich Sie gerne.
Ich bin Rafael Prentki – Heilpraktiker für Psychotherapie und begleite Menschen in meiner Praxis in Berlin sowie online.
Meine therapeutische Arbeit orientiert sich am NARM-Modell. Im Mittelpunkt stehen Ihre gegenwärtigen Erfahrungen, Ihre persönlichen Anliegen und die Möglichkeiten, die sich daraus entwickeln können.
Sie müssen Ihre bisherigen Erfahrungen nicht noch einmal von Anfang an erzählen oder bereits genau wissen, was Sie verändern möchten.
In einem kostenfreien, etwa 20-minütigen Erstgespräch können wir uns kennenlernen und gemeinsam schauen, ob meine therapeutische Begleitung zu Ihrem Anliegen passt.
Ich freue mich darauf, Sie kennenzulernen.
Rafael Prentki – Heilpraktiker für Psychotherapie