
Bindungstrauma – Wie frühe Beziehungen unser Selbstbild prägen
Wir Menschen brauchen Verbindung. Wir möchten uns anderen nahe fühlen, Vertrauen entwickeln und erleben, dass wir mit unseren Bedürfnissen willkommen sind. Gleichzeitig kann gerade das, wonach wir uns sehnen, Unsicherheit auslösen.
Vielleicht wünschen Sie sich eine enge Beziehung und bemerken, dass Sie sich zurückziehen, sobald Ihnen jemand wirklich nahekommt. Oder Sie erleben, wie wichtig Ihnen die Zuwendung eines anderen Menschen ist und wie schnell die Angst entsteht, diese Verbindung wieder zu verlieren.
Manche Menschen haben Schwierigkeiten, sich auf andere zu verlassen. Andere stellen ihre eigenen Wünsche zurück, um eine wichtige Beziehung nicht zu gefährden. Wieder andere erleben Nähe und Distanz als einen ständigen inneren Konflikt.
Solche Erfahrungen können unterschiedliche Ursachen haben. Manchmal stehen sie im Zusammenhang mit frühen Bindungserfahrungen, in denen Nähe, Schutz und Sicherheit nicht selbstverständlich miteinander verbunden waren.
Was ist Bindungstrauma?
Unsere ersten Beziehungen sind von besonderer Bedeutung. Als Kinder sind wir auf Menschen angewiesen, die uns versorgen, schützen und uns dabei unterstützen, die Welt kennenzulernen.
Durch diese Beziehungen erfahren wir nicht nur, wie andere Menschen mit uns umgehen. Wir beginnen auch, etwas über uns selbst zu lernen.
Sind meine Gefühle willkommen? Darf ich Hilfe brauchen? Kann ich mich auf andere verlassen? Habe ich einen Platz, auch wenn ich etwas nicht möchte oder nicht alles richtig mache?
Solche Erfahrungen können unser Selbstbild und unsere Erwartungen an andere Menschen mitprägen.
Wenn wichtige Bezugspersonen wiederholt nicht erreichbar, unberechenbar oder beängstigend sind, kann das Erleben von Sicherheit und Vertrauen beeinträchtigt werden. Besonders schwierig kann es sein, wenn ein Kind gerade bei den Menschen Schutz sucht, durch die es zugleich Unsicherheit erfährt.
In diesem Zusammenhang sprechen wir von Bindungstrauma.
Der Begriff beschreibt belastende Erfahrungen innerhalb wichtiger früher Bindungsbeziehungen und deren mögliche Auswirkungen auf unser späteres Erleben. Bindungstrauma ist keine eigenständige klinische Diagnose. Auch ist nicht jede unsichere Bindung traumatisch.
Bindungstrauma kann Teil eines Entwicklungstraumas sein. Während der Begriff Entwicklungstrauma unterschiedliche belastende Erfahrungen während wichtiger Entwicklungsphasen umfasst, richtet sich der Blick bei Bindungstrauma besonders auf die Beziehung zu den Menschen, von denen wir als Kinder abhängig waren.
Wie zeigt sich Bindungstrauma im Erwachsenenalter?
Frühe Bindungserfahrungen können beeinflussen, wie wir später Nähe, Vertrauen und unsere eigenen Bedürfnisse erleben.
Manche Menschen sehnen sich nach einer engen Beziehung und werden gleichzeitig unsicher, sobald jemand ihnen näherkommt. Andere haben Angst, verlassen zu werden, und versuchen, Konflikte möglichst zu vermeiden.
Vielleicht fällt es Ihnen schwer, Unterstützung anzunehmen, eigene Grenzen zu vertreten oder darauf zu vertrauen, dass Sie auch dann willkommen sind, wenn Sie nicht die Erwartungen anderer erfüllen.
Manchmal zeigen sich solche Erfahrungen auch in einem starken Bedürfnis nach Kontrolle, einem hohen Leistungsanspruch oder dem Gefühl, möglichst alles allein bewältigen zu müssen.
Dabei können diese Schwierigkeiten viele unterschiedliche Ursachen haben. Sie sind für sich genommen kein Beweis für ein Bindungstrauma.
Interessant ist vielmehr, welche Bedeutung solche Erfahrungen für Sie persönlich haben und wie sie mit Ihrem heutigen Leben zusammenhängen.
Wie wir in Beziehungen lernen, wer wir sind
Ein Kind kann seine wichtigsten Bindungsbeziehungen nicht einfach verlassen. Es braucht die Menschen, von denen es abhängig ist, und versucht, die Verbindung zu ihnen aufrechtzuerhalten.
Wenn bestimmte Gefühle oder Bedürfnisse wiederholt auf Ablehnung stoßen, kann es lernen, sich anzupassen.
Vielleicht wird es besonders aufmerksam für die Stimmung seiner Eltern. Vielleicht versucht es, möglichst wenig Schwierigkeiten zu machen. Oder es bemüht sich, durch Leistung und Hilfsbereitschaft Anerkennung zu bekommen.
Diese Anpassungen können dazu beitragen, die Beziehung zu wichtigen Bezugspersonen zu erhalten.
Mit der Zeit können sie jedoch auch beeinflussen, wie ein Mensch sich selbst versteht.
Aus dem Versuch, möglichst wenig zu brauchen, wird vielleicht:
Ich bin unabhängig. Ich komme allein zurecht.
Aus dem Bemühen, Anerkennung zu erhalten:
Ich bin jemand, der immer alles gut machen muss.
Was ursprünglich eine Möglichkeit war, mit schwierigen Beziehungserfahrungen umzugehen, kann sich später wie ein selbstverständlicher Teil der eigenen Persönlichkeit anfühlen.
Dabei sind solche Eigenschaften nicht einfach falsch oder problematisch. Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Rücksichtnahme können wertvolle Fähigkeiten sein.
Interessant wird es dort, wo wir erleben, dass wir kaum noch anders handeln können – selbst wenn wir uns eigentlich etwas anderes wünschen.
„Ich mache mir ständig Druck“
Vielleicht kennen Sie das: Sie möchten Ihre Aufgaben gut erledigen, niemanden enttäuschen und möglichst alles richtig machen.
Selbst wenn Ihnen etwas gelingt, fällt es schwer, zufrieden zu sein. Schon wartet die nächste Aufgabe.
Von außen betrachtet wirken Sie vielleicht ehrgeizig, zuverlässig und verantwortungsbewusst.
Doch manchmal hat dieser Druck eine längere Geschichte.
Vielleicht war Anerkennung früher besonders dann spürbar, wenn Sie etwas geleistet haben. Vielleicht mussten Sie sich anstrengen, um Aufmerksamkeit zu bekommen oder Kritik zu vermeiden.
So kann die Erfahrung entstehen:
Wenn ich mich genug bemühe, bin ich willkommen.
Was einmal geholfen hat, eine wichtige Beziehung zu sichern, kann später zu einem vertrauten Umgang mit sich selbst werden.
Und möglicherweise erfüllt der Druck auch heute noch eine ähnliche Funktion: Er hilft, Anerkennung zu erhalten, Erwartungen zu erfüllen oder eine wichtige Beziehung nicht zu gefährden.
Dabei gerät leicht aus dem Blick, was Sie gerade brauchen.
Vielleicht möchten Sie sich ausruhen. Vielleicht wünschen Sie sich Unterstützung. Oder Sie möchten einfach etwas tun, ohne beweisen zu müssen, dass Sie gut genug sind.
Doch sobald Sie sich das erlauben, entsteht möglicherweise Unruhe.
Was würde geschehen, wenn Sie einmal nicht alles richtig machen?
Wie frühe Bindungen unser Bild von anderen Menschen und der Welt prägen
Durch unsere ersten Beziehungen entwickeln wir nicht nur Vorstellungen über uns selbst. Wir machen auch Erfahrungen damit, was wir von anderen Menschen erwarten können.
Ist jemand für mich da, wenn ich Unterstützung brauche? Werden meine Gefühle ernst genommen? Kann ich darauf vertrauen, dass eine Beziehung bestehen bleibt, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind?
Wiederholte Erfahrungen können unsere Erwartungen prägen.
Wer gelernt hat, vorsichtig zu sein, prüft vielleicht auch heute genau, wem er etwas anvertrauen möchte.
Wer sich früher kaum auf andere verlassen konnte, versucht möglicherweise weiterhin, möglichst viel allein zu bewältigen.
So können aus bestimmten Beziehungserfahrungen Vorstellungen darüber entstehen, wie andere Menschen sind und wie wir uns in der Welt verhalten sollten.
Diese Vorstellungen können Orientierung geben und uns vor Enttäuschungen schützen. Gleichzeitig können sie beeinflussen, wie wir gegenwärtige Beziehungen erleben – auch wenn die Menschen, denen wir heute begegnen, anders reagieren als unsere früheren Bezugspersonen.
„Ich möchte mich öffnen, aber ich misstraue“
Vielleicht gibt es jemanden, dem Sie gerne etwas Persönliches erzählen würden.
Sie wünschen sich Verständnis und möchten sich mit dem zeigen, was Sie beschäftigt. Doch sobald sich die Gelegenheit ergibt, werden Sie vorsichtig.
Sie überlegen, wie Ihr Gegenüber reagieren könnte. Vielleicht erzählen Sie nur einen Teil oder sagen schließlich, dass eigentlich alles in Ordnung ist.
Möglicherweise haben Sie früher erlebt, dass Offenheit nicht gut aufgenommen wurde. Dass Ihre Gefühle heruntergespielt, kritisiert oder gegen Sie verwendet wurden.
Dann kann Zurückhaltung eine wichtige Möglichkeit gewesen sein, sich zu schützen und zugleich die Beziehung aufrechtzuerhalten.
Auch heute kann diese Vorsicht noch etwas schützen: Sie hilft möglicherweise, eine befürchtete Zurückweisung oder Enttäuschung zu vermeiden.
Gleichzeitig bleibt der Wunsch bestehen, sich einem anderen Menschen anvertrauen zu können.
Vielleicht geht es in diesem Moment deshalb gar nicht darum, sich endlich zu überwinden und mehr zu erzählen.
Vielleicht brauchen Sie zunächst die Erfahrung, selbst entscheiden zu dürfen, wie viel Sie von sich zeigen möchten – und dass Ihr Gegenüber diese Entscheidung respektiert.
Was möchte und brauche ich heute?
Unsere frühen Bindungserfahrungen können uns prägen, ohne dass wir uns ihrer Bedeutung bewusst sind.
Manchmal erleben wir unsere bisherigen Anpassungen als etwas ganz Selbstverständliches.
Ich muss stark sein.
Ich darf niemanden enttäuschen.
Ich brauche keine Hilfe.
Solche Vorstellungen können uns Orientierung geben. Gleichzeitig können sie weiterhin dazu beitragen, wichtige Beziehungen aufrechtzuerhalten.
Vielleicht setzen wir uns unter Druck, obwohl wir uns nach Ruhe sehnen. Oder wir möchten einem Menschen vertrauen und erleben gleichzeitig, wie schwer es uns fällt, uns zu öffnen.
Was geschieht, wenn wir beginnen, diese Erfahrungen etwas genauer zu betrachten?
Vielleicht entdecken wir, dass wir nicht nur versuchen, unangenehme Gefühle zu vermeiden. Möglicherweise möchten wir auch verhindern, jemanden zu enttäuschen, Anerkennung zu verlieren oder eine wichtige Beziehung zu gefährden.
Dabei geht es nicht darum, unsere bisherigen Reaktionen möglichst schnell zu verändern.
Wir können zunächst neugierig werden:
Was möchte ich gerade eigentlich?
Was ist mir in dieser Situation wichtig?
Und was geschieht in mir, wenn ich diesem Wunsch etwas mehr Raum gebe?
Manchmal wird dabei spürbar, wie eng unsere heutigen Wünsche mit vertrauten Vorstellungen über uns selbst und andere verbunden sind.
Diese Zusammenhänge wahrzunehmen, kann ein erster Schritt sein, um neue Möglichkeiten zu entdecken.
Bindungstrauma aus der NARM-Perspektive begleiten
In meiner therapeutischen Arbeit orientiere ich mich am NeuroAffective Relational Model (NARM), einem gegenwarts- und beziehungsorientierten Ansatz zur Arbeit mit Entwicklungstrauma.
Dabei interessieren wir uns nicht ausschließlich dafür, was in Ihrer Vergangenheit geschehen ist. Wir schauen auch darauf, wie sich Ihre bisherigen Erfahrungen heute in Ihrem Erleben, Ihrem Selbstbild und Ihren Beziehungen zeigen.
Vielleicht möchten Sie weniger Druck erleben und bemerken gleichzeitig, wie schwierig es ist, sich eine Pause zu erlauben.
Oder Sie wünschen sich, einem Menschen mehr anvertrauen zu können, werden aber vorsichtig, sobald sich diese Möglichkeit ergibt.
In unserer gemeinsamen Arbeit interessieren wir uns dafür, was Sie in solchen Momenten erleben.
Was möchten Sie eigentlich? Welche Gedanken und Gefühle tauchen auf? Und was scheint auf dem Spiel zu stehen, wenn Sie Ihrem Wunsch folgen?
Dabei müssen wir Ihre bisherigen Reaktionen nicht als Hindernisse betrachten, die beseitigt werden sollen.
Wir können gemeinsam erkunden, welche Bedeutung sie für Sie haben, was sie möglicherweise weiterhin schützen und welche Möglichkeiten Ihnen heute zur Verfügung stehen.
Auch die therapeutische Beziehung selbst kann dabei eine Rolle spielen.
Vielleicht fällt es Ihnen schwer, Unterstützung anzunehmen oder eine andere Meinung zu vertreten. Vielleicht möchten Sie etwas erzählen und bemerken gleichzeitig, dass Sie vorsichtig werden.
Solche Erfahrungen dürfen ihren Platz haben.
Sie entscheiden mit, worüber wir sprechen und in welchem Tempo wir uns Ihren Erfahrungen zuwenden.
Auf diese Weise kann ein Raum entstehen, in dem Sie Ihre bisherigen Anpassungen besser verstehen und neue Möglichkeiten entwickeln können, mit sich selbst und anderen in Beziehung zu sein.
Mehr über diesen Ansatz erfahren Sie auf meiner Seite zur NARM-Therapie.
Häufige Fragen zu Bindungstrauma
Ist Bindungstrauma eine psychische Erkrankung?
Bindungstrauma ist keine eigenständige psychiatrische Diagnose. Der Begriff beschreibt belastende Erfahrungen innerhalb wichtiger Bindungsbeziehungen und ihre möglichen Auswirkungen.
Solche Erfahrungen können mit psychischen Beschwerden verbunden sein, müssen aber nicht zwangsläufig zu einer psychischen Erkrankung führen.
Entscheidend ist nicht allein, ob Sie sich in einer Beschreibung wiedererkennen, sondern wie Sie Ihre persönlichen Erfahrungen und deren Auswirkungen erleben.
Kann sich ein Bindungstrauma auch im Erwachsenenalter verändern?
Auch im Erwachsenenalter können Menschen neue Erfahrungen mit sich selbst und anderen machen.
Vertraute Vorstellungen über die eigene Person oder Beziehungen müssen nicht unveränderlich bleiben.
In einer therapeutischen Begleitung kann es darum gehen, diese Vorstellungen und die damit verbundenen inneren Konflikte besser kennenzulernen.
Dabei lässt sich weder vorhersagen, wie schnell Veränderungen entstehen, noch wie sie sich für einen bestimmten Menschen entwickeln werden.
Muss ich mich an meine Kindheit erinnern, um an Bindungstrauma zu arbeiten?
Nicht unbedingt.
Frühe Beziehungserfahrungen sind nicht immer bewusst erinnerbar. Manche Menschen können sich an bestimmte Situationen erinnern, andere bemerken vor allem, wie sie heute auf Nähe, Konflikte oder Erwartungen reagieren.
In meiner NARM-orientierten Arbeit müssen Sie Ihre Kindheit nicht vollständig rekonstruieren.
Wir können bei dem beginnen, was Sie heute erleben und was Sie sich für Ihr Leben wünschen.
Therapeutische Begleitung bei Bindungstrauma in Berlin und online
Wenn Sie sich in einigen dieser Erfahrungen wiedererkennen und sich mit Ihren frühen Bindungserfahrungen und deren Bedeutung für Ihr heutiges Leben beschäftigen möchten, begleite ich Sie gerne.
Ich bin Rafael Prentki – Heilpraktiker für Psychotherapie und arbeite in meiner Praxis in Berlin sowie online.
In meiner NARM-orientierten Arbeit stehen Ihre gegenwärtigen Erfahrungen, Ihre persönlichen Anliegen und Ihre eigenen Möglichkeiten im Mittelpunkt.
In einem kostenfreien, etwa 20-minütigen Erstgespräch können wir uns kennenlernen und gemeinsam schauen, ob meine therapeutische Begleitung für Sie passend sein könnte.
Ich freue mich darauf, Sie kennenzulernen.