Viele Menschen, die emotionalen Missbrauch erlebt haben, sprechen zunächst nicht über das Verhalten des anderen Menschen.
Sie erzählen davon, dass sie sich selbst immer weniger vertrauen.
Dass sie Entscheidungen immer wieder hinterfragen.
Dass sie sich häufig anpassen.
Oder dass sie kaum noch wissen, was sich eigentlich für sie selbst stimmig anfühlt.
Gerade deshalb bleibt emotionaler Missbrauch oft lange unerkannt.
Nicht, weil seine Auswirkungen gering wären.
Sondern weil sie sich häufig schleichend entwickeln.
Was ist emotionaler Missbrauch?
Emotionaler Missbrauch beschreibt wiederkehrende Verhaltensweisen, durch die ein Mensch verunsichert, kontrolliert, beschämt oder in seiner eigenen Wahrnehmung erschüttert wird.
Er kann in Partnerschaften, Familien oder anderen engen Beziehungen entstehen.
Nicht jede verletzende Bemerkung oder jeder Streit ist emotionaler Missbrauch.
Entscheidend ist das wiederkehrende Muster.
Mit der Zeit kann es dazu führen, dass ein Mensch sich immer stärker an den Erwartungen anderer orientiert und immer weniger an dem, was er selbst erlebt.
Warum wird emotionaler Missbrauch oft erst spät erkannt?
Viele Betroffene fragen sich später:
„Warum habe ich das nicht früher gesehen?“
Innerhalb einer Beziehung erleben wir häufig etwas anderes.
Wir hoffen.
Wir erklären.
Wir übernehmen Verantwortung.
Wir versuchen, die Beziehung aufrechtzuerhalten.
Gerade weil Beziehungen für uns Menschen so bedeutsam sind, fällt es oft schwer zu erkennen, wann Anpassung nach und nach den Kontakt zum eigenen Erleben ersetzt.
Diese Reaktionen sind kein Zeichen von Schwäche.
Sie waren häufig verständliche Versuche, Sicherheit, Verbundenheit oder Hoffnung zu bewahren.
Wie kann sich das später zeigen?
Emotionaler Missbrauch verändert häufig nicht nur eine Beziehung.
Er kann nach und nach auch die Beziehung verändern, die wir zu uns selbst haben.
Vielleicht fällt es schwer,
- der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen,
- Grenzen zu setzen,
- Unterstützung anzunehmen,
- den eigenen Bedürfnissen zu folgen,
- oder überhaupt noch zu spüren, was sich für einen selbst stimmig anfühlt.
Nicht jeder Mensch erlebt dieselben Auswirkungen.
Viele beschreiben jedoch, dass der Kontakt zum eigenen Erleben leiser geworden ist.
Die NARM-Perspektive
Aus Sicht des NeuroAffective Relational Model (NARM™) richtet sich der Blick nicht nur auf das, was geschehen ist.
Ebenso wichtig ist die Frage:
Wie zeigt sich diese Geschichte heute?
Wie ist es, Entscheidungen zu treffen?
Wie ist es, Grenzen wahrzunehmen?
Wie ist es, Unterstützung anzunehmen?
Wie ist es, mit sich selbst in Kontakt zu sein?
Überlebensstrategien werden dabei nicht als Fehler verstanden.
Sie waren häufig die bestmögliche Antwort auf Beziehungserfahrungen, die damals wenig andere Möglichkeiten offenließen.
Erst wenn diese Strategien gewürdigt werden, kann langsam die Frage entstehen, ob sie heute noch notwendig sind.
Was kann helfen?
Veränderung beginnt häufig nicht damit, gegen sich selbst zu kämpfen.
Sondern damit, neugierig zu werden.
Nicht nur auf das, was geschehen ist.
Sondern darauf, wie sich diese Erfahrungen heute zeigen.
Mit der Zeit kann daraus wieder mehr Kontakt zum eigenen Erleben entstehen.
Mehr Freiheit, Grenzen wahrzunehmen.
Eigene Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Und sich selbst Schritt für Schritt wieder näherzukommen.



