Warum wir oft aktiviert bleiben, wie alte Impulse wirken und wo neue Wahl entsteht
1) Stress – der stille Begleiter im Alltag
Stress kennt fast jeder. Manchmal ist er laut – Herzklopfen, Druck, Gereiztheit.
Oft aber ist er leise. So vertraut, dass wir ihn kaum noch bemerken.
Vielleicht morgens, wenn der Tag beginnt und die Gedanken schon rasen.
Oder bei der Arbeit, wenn der Atem flach wird und die Schultern sich anspannen.
Vielleicht, wenn das Handy vibriert und wir sofort reagieren – selbst dann, wenn eigentlich nichts dringend ist.
Stress zeigt sich nicht nur als Hektik. Er kann auch heißen:
ständig „funktionieren“ zu müssen
innerlich wach zu bleiben, obwohl nichts Bedrohliches da ist
sich selbst kaum noch zu spüren
Manchmal ist Stress so sehr Hintergrund geworden, dass Ruhe sich fremd anfühlt.
🕊️ Wenn Stille sich unangenehm anfühlt, wähle eine weiche Form davon: einen Blick aus dem Fenster, eine Hand auf dem Brustbein oder das Spüren deiner Füße am Boden.
2) Wenn der Körper reagiert – und warum das sinnvoll ist
Wenn das Leben Druck macht, reagiert der Körper.
Das Nervensystem wird wacher – nicht gegen uns, sondern für uns.
Herz und Atmung verändern sich, Muskeln spannen sich an, die Aufmerksamkeit geht nach außen.
Es ist, als würde der Körper sagen:
„Ich bin da. Ich unterstütze dich.“
Diese Aktivierung ist intelligent. Sie hilft uns, uns zu orientieren, Entscheidungen zu treffen, zu handeln.
Problematisch wird es nicht die Aktivierung selbst –
sondern wenn sie nicht mehr von selbst abklingen kann.
Dann bleibt etwas in uns wach, auch wenn der Moment längst vorbei ist.
Nicht, weil wir „falsch reagieren“, sondern weil unser System keinen sicheren Weg zurück in Ruhe findet.
👉 Wichtig: Stress ist kein Zeichen von Schwäche.
Er zeigt, dass dein Organismus versucht, etwas zu halten.
3) Aktiviert bleiben, weil zu viel gefühlt wurde
Ein oft übersehener Grund für anhaltenden Stress ist dieser:
Es wurde zu viel gefühlt – mehr, als im Moment gehalten werden konnte.
Das kann passieren bei:
intensiver Nähe
emotionalen Konflikten
Verlust, Enttäuschung oder Verletzung
Situationen, in denen wir stark sein mussten, obwohl wir eigentlich Halt gebraucht hätten
Dann bleibt das Nervensystem wach – nicht aus Angst vor dem Außen, sondern um das Innere zu schützen.
Beispiel 1: Nähe und Autonomie (Kernkonflikt)
Eine Person wünscht sich Nähe – Beziehung, Verbundenheit, Kontakt.
Gleichzeitig wird genau diese Nähe körperlich als zu viel erlebt:
der Atem wird eng, der Körper spannt sich an, innerlich entsteht Druck.
Das System steht zwischen zwei Bewegungen:
Sehnsucht nach Nähe
Schutz der eigenen Grenzen
Beides ist wahr.
Und genau diese Gleichzeitigkeit kann Stress erzeugen – nicht, weil Nähe falsch ist, sondern weil sie früher mit Überforderung verbunden war.
4) Wenn alte Impulse übernehmen
Unter Stress greifen wir oft auf erlernte Impulse zurück:
schneller reagieren
mehr leisten
Gefühle zurückhalten
stark bleiben
Konflikte vermeiden
Diese Impulse waren einmal sinnvoll. Sie haben uns geholfen, dazuzugehören, nicht zu verlieren, nicht zu zerbrechen.
Doch heute laufen sie oft automatisch ab –
ohne dass wir prüfen, was im Moment wirklich erfahren wird.
In der NARM-Arbeit interessiert uns deshalb nicht nur:
„Warum reagiere ich so?“
sondern auch:
„Was ist jetzt noch da – jenseits dieser Reaktion?“
Zwischen Impuls und Handlung entsteht manchmal ein winziger Raum.
Und genau dort beginnt Wahl.
5) Stress als Kontaktverlust – nicht als Defizit
Stress lässt sich auch so verstehen:
als ein Zustand, in dem der Kontakt enger wird.
Wir verlieren nicht den Kontakt –
er wird nur überdeckt von Anspannung, Gedanken oder alten Schutzmustern.
Dann reagieren wir, statt zu wählen.
Wir tun, statt zu spüren.
Doch Verbindung verschwindet nicht.
Sie bleibt als leiser Strom im Hintergrund – manchmal spürbar in einem Atemzug, einem kurzen Innehalten, einem ehrlichen Moment.
👉 Verbindung muss nicht hergestellt werden. Sie ist da.
Was sich verändern darf, ist unser Zugang zu ihr.
6) Regulation entsteht durch Kontakt – nicht durch Kontrolle
Viele versuchen, Stress „wegzumachen“:
durch Disziplin, positives Denken oder noch mehr Anstrengung.
Doch Regulation entsteht nicht durch Kontrolle,
sondern durch Beziehung.
Beziehung zum Körper
Beziehung zum eigenen Erleben
Beziehung zu einem anderen Menschen
Manchmal genügt:
ein bewusster Ausatem
das Wahrnehmen der Schultern
ein Blick, der Orientierung gibt
ein ehrliches Gespräch
Wichtig ist:
👉 Dein System darf wählen, was sich sicher anfühlt.
Atmen ist nicht immer der richtige Einstieg – manchmal ist Bewegung, Sehen oder Spüren hilfreicher.
7) Beispiel 2: Ungesagte Verletzungen
Eine Person erlebt immer wieder Konflikte – im Beruf oder in Beziehungen.
Sie spürt Verletzung, Ärger, Enttäuschung – sagt aber nichts.
Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern um Beziehung nicht zu gefährden.
Der Körper hält, was nicht gesagt werden konnte.
Spannung bleibt. Stress wird chronisch.
Auch hier gilt:
Der Körper reagiert nicht falsch.
Er trägt etwas, das bisher keinen sicheren Ausdruck finden durfte.
8) Kleine Schritte im Alltag
Veränderung beginnt selten groß.
Oft beginnt sie hier:
🌬️ Länger ausatmen als einatmen
🐾 Den Boden spüren – Füße, Gewicht, Kontakt
🧍 Bewegung statt Stillhalten
⏸️ Eine Pause, bevor du reagierst
🤝 Kontakt suchen, wenn es sich stimmig anfühlt
Diese kleinen Momente sind kein „Training“.
Sie sind Signale an das Nervensystem:
Ich bin da. Es gibt Raum.
9) Begleitung & Unterstützung
Manche Stressmuster lassen sich allein verstehen –
andere brauchen Beziehung, um sich zu lösen.
Ich begleite Menschen dabei, Stress nicht nur zu regulieren,
sondern zu verstehen, was er schützt – in einem ruhigen, sicheren Rahmen (aktuell überwiegend online).
👉 Hier kannst du mir schreiben
Wann zusätzliche Unterstützung wichtig ist:
anhaltende innere Unruhe oder Panik
starke Erschöpfung oder Schlafprobleme
Herzrasen, Druck oder Schmerzen ohne klare Ursache
belastende Gedanken oder Stimmungen
In diesen Fällen wende dich bitte an Ärzt:innen oder Therapeut:innen.
Unterstützung anzunehmen ist Selbstfürsorge.
Autor:
Rafael Prentki
Heilpraktiker für Psychotherapie · NARM™ Practitioner



