Ein Märchen für die, die glauben, zu viel zu sein – und für jene, die vergessen haben, wie sich Echtheit anfühlt.
Wenn dich das berührt: Lies langsam. Du kannst jederzeit pausieren.
In jeder Familie gibt es mindestens eins – das schwarze Schaf. Man erkennt es an den Fragen, die man eigentlich nicht stellen sollte. Und manchmal auch an den dunklen Flecken – denen, die man sieht, und denen, über die niemand spricht.
Wer sich jetzt ein wenig ertappt fühlt – für den ist dieser Text vielleicht besonders wertvoll. Und für alle anderen, die überzeugt sind, kein schwarzes Schaf zu sein – nun ja … vielleicht habt ihr eures nur noch nicht als solches erkannt. 🐑
Denn das schwarze Schaf ist kein Rebell aus Prinzip. Es will dazugehören – nur bitte echt. Es liebt die Herde, aber nicht um den Preis der eigenen Farbe.
Es versucht mitzuhalten, zu passen, zu verstehen – und stolpert genau darüber. Weil Echtheit nun einmal lauter fühlt als Anpassung.
Während die anderen im Takt blöken, fragt sich das schwarze Schaf, ob es da draußen nicht noch mehr gibt als Zaun, Wiese und Sonntagsbraten. Es will dazugehören, aber es kann die falschen Töne einfach nicht gut vorspielen.
Vielleicht ging es also nie darum, das perfekte Schaf zu werden. Vielleicht war es einfach … ein Schmetterling im falschen Kostüm.
Das schwarze Schaf wird nicht als solches geboren. Es kommt zur Welt wie alle anderen – weich, neugierig, offen. Doch irgendwann, meist lange bevor es Worte dafür findet, spürt es: Irgendetwas stimmt nicht. Nicht mit der Welt – mit ihm.
Die Rollen in der Herde sind längst verteilt: das brave Schaf, das alles richtig macht. Das nette, das immer lächelt. Das kluge, das alles versteht. Und mittendrin ein Schaf, das irgendwie alles ein bisschen kann – aber sich selbst dabei immer weniger spürt.
Was niemand sah: Dieses Schaf kam mit einer feinen Wahrnehmung auf die Welt. Ein offenes Herz. Ein Gespür für das, was unter der Oberfläche lebt.
Diese Empfindsamkeit kann eine Gabe sein – und zugleich etwas, das sehr viel kostet.
Es spürte Spannungen, bevor jemand sie benennen konnte. Fühlte Traurigkeit in Räumen, in denen alle lachten. Merkte, wenn etwas nicht stimmte – auch wenn alle sagten: „Alles ist gut.“
Die anderen spürten das. Nicht bewusst – aber deutlich. Etwas an diesem Schaf irritierte sie: zu still, zu tief, einfach zu viel. Und weil das Unbekannte oft Angst macht, hielten sie Abstand. Nicht aus Bosheit – aus Überforderung.
So lernte das kleine Schaf, dass Nähe gefährlich sein kann, und dass Anderssein seinen Preis hat. Es zog seine Sensibilität nach innen, legte sich eine dicke Schicht Wolle darüber – zum Schutz vor der Kälte draußen und den Fragen, die niemand stellte.
Und so wuchs es auf: zwischen Anpassung und Sehnsucht, zwischen dem Wunsch, gesehen zu werden, und der Angst, dafür wieder allein zu sein. Es wurde leise, aufmerksam, überlebensklug – ein Meister darin, das eigene Herz zu verstecken, bis es selbst kaum noch wusste, wo es geblieben war.
Ein Leben, das funktionierte – aber kaum noch berührte.
Manchmal ist das der Moment, in dem etwas in uns kurz innehält. Nicht laut. Eher wie Wind, der für einen Atemzug nachlässt.
Denn tief unter der Wolle blieb etwas wach: eine Ahnung, dass es mehr geben musste als dieses sichere, saubere Funktionieren.
Es suchte lange im Außen – in Menschen, in Idealen, in Geschichten, die versprachen, die innere Leere zu füllen. Doch nichts davon trug wirklich.
Erst viel später begriff es: Die Rastlosigkeit war Teil des Weges. Eine Bewegung, die es langsam zurückführte zu dem einzigen Ort, an dem wirkliche Ruhe möglich war – ins eigene Herz.
Dort begegnete es sich selbst. Seiner Tiefe. Seinem Schmerz. Seiner Dunkelheit – und seinem Licht. Und es erkannte: Schmerz und Liebe können aus derselben Tiefe kommen, wenn etwas gehalten ist.
Es verstand, warum der Schmetterling zuerst ein Schaf sein musste. Nur so konnte er lernen, Tiefe zu halten, Verletzlichkeit zu tragen – und sich selbst nicht mehr zu verlassen.
Am Ende begriff er, dass der wichtigste Schritt kein Kampf war, sondern ein stilles Verzeihen: sich selbst zu verzeihen – für all das, was er aufgeben musste, um zu werden, wer er war.
Und so begann er zu strahlen – mit all den Farben, die so lange verborgen gewesen waren. In der Dunkelheit kamen andere näher. Andere, die spürten: Da ist etwas echt.
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Vom schwarzen Schaf zum Schmetterling. Von der Anpassung zur Authentizität. Von der Angst zur Liebe.
Und vielleicht geht es am Ende nicht darum, die Herde zu verlassen, sondern zurückzukehren. Nicht mehr, um dazuzugehören – sondern um das Licht zu teilen, das aus der Dunkelheit gewachsen ist.
In Liebe an jene vor uns – Mütter, Väter, Ahnen. Und an jene nach uns.
In Liebe an die Teile, die wir schützen mussten. Und an all das, was uns Menschsein lehrt.
Rafael Prentki
Heilpraktiker für Psychotherapie



