Stress gehört zum Leben. Interessant kann die Frage werden, was mit uns geschieht, wenn Anspannung nicht mehr nachlässt – und wir beginnen, fast automatisch zu reagieren.
Stress kennt fast jeder.
Manchmal ist er deutlich spürbar.
Die Gedanken werden schneller.
Der Körper spannt sich an.
Wir werden unruhig oder gereizt.
Manchmal ist Stress jedoch so vertraut geworden, dass wir ihn kaum noch bemerken.
Der Tag beginnt und innerlich läuft bereits die Liste dessen, was erledigt werden muss.
Eine Nachricht kommt und wir reagieren sofort.
Eine weitere Aufgabe landet auf dem Tisch und wir sagen Ja, obwohl wir eigentlich schon genug zu tun haben.
Oder wir kommen abends nach Hause – und merken, dass wir körperlich zwar müde sind, innerlich aber noch immer nicht aufgehört haben.
Dann kann eine interessante Frage entstehen:
Was geschieht eigentlich mit mir, wenn ich unter Stress gerate?
Stress ist zunächst eine sinnvolle Reaktion
Stress ist nicht grundsätzlich problematisch.
Wenn etwas unsere Aufmerksamkeit verlangt, reagieren Körper und Psyche.
Wir werden wacher.
Unsere Aufmerksamkeit richtet sich auf das, was gerade wichtig erscheint.
Wir bereiten uns darauf vor, zu handeln.
Das gehört zu unserer Fähigkeit, auf Anforderungen zu reagieren.
Schwieriger kann es werden, wenn Anforderungen über längere Zeit sehr hoch bleiben oder wenn wir selbst dann kaum zur Ruhe kommen, wenn die unmittelbare Belastung bereits vorbei ist.
Vielleicht bemerken wir dann, dass Stress nicht nur mit dem zusammenhängt, was um uns herum geschieht.
Sondern auch damit, wie wir darauf reagieren.
Wenn aus einer Anforderung schnell ein innerer Druck wird
Zwei Menschen können dieselbe Situation sehr unterschiedlich erleben.
Eine zusätzliche Aufgabe kann für einen Menschen einfach eine Aufgabe sein.
Bei einem anderen taucht vielleicht unmittelbar etwas auf:
Ich darf niemanden enttäuschen.
Ich muss das schaffen.
Ich kann jetzt nicht Nein sagen.
Ich darf keine Schwäche zeigen.
Oder:
Wenn ich es nicht mache, macht es niemand.
Dann besteht die Belastung nicht mehr ausschließlich aus der Aufgabe selbst.
Zu ihr kommt die Art hinzu, wie wir mit uns selbst und der Situation umgehen.
Vielleicht arbeiten wir schneller.
Übergehen unsere Müdigkeit.
Werden streng mit uns.
Oder versuchen, noch mehr Kontrolle zu bekommen.
Gerade deshalb kann es hilfreich sein, Stress nicht nur beseitigen zu wollen.
Wir können neugierig darauf werden, was in uns geschieht, während wir gestresst sind.
Stress und vertraute Reaktionen
Unter Druck greifen Menschen häufig auf Reaktionen zurück, die ihnen sehr vertraut sind.
Manche werden besonders aktiv.
Andere ziehen sich zurück.
Manche versuchen, alles zu kontrollieren.
Andere orientieren sich verstärkt daran, was die Menschen um sie herum brauchen.
Vielleicht kennen Sie auch den Impuls, möglichst schnell eine Lösung finden zu müssen.
Solche Reaktionen müssen nicht falsch sein.
Oft können wir mit ihnen sehr viel bewältigen.
Interessant wird es dort, wo sie fast automatisch auftreten und andere Möglichkeiten kaum noch wahrnehmbar sind.
Dann können wir uns fragen:
Was möchte ich eigentlich in dieser Situation?
Und:
Was geschieht mit mir, wenn ich versuche, diesem Wunsch zu folgen?
Wenn zwei wichtige Bedürfnisse aufeinandertreffen
Stress kann auch dort entstehen, wo unterschiedliche Wünsche oder Bedürfnisse gleichzeitig vorhanden sind.
Vielleicht wünschen Sie sich Nähe und gleichzeitig mehr Raum für sich.
Sie möchten eine Grenze setzen und wollen den anderen nicht verletzen.
Sie möchten sich ausruhen und gleichzeitig eine Verantwortung nicht abgeben.
Sie möchten Nein sagen und haben Sorge, jemanden zu enttäuschen.
Dann gibt es nicht unbedingt eine „richtige“ und eine „falsche“ Seite.
Beides kann Bedeutung haben.
Gerade der Versuch, eine Seite möglichst schnell loszuwerden, kann zusätzlichen Druck erzeugen.
Manchmal verändert sich bereits etwas, wenn beide Erfahrungen nebeneinander sichtbar werden dürfen:
Ich möchte das eine – und gleichzeitig macht mir etwas daran Angst.
Stress zeigt sich auch in Beziehungen
Nicht jeder Stress entsteht durch Termine und Arbeit.
Manchmal wird Anspannung besonders in Beziehungen spürbar.
Vielleicht überlegen Sie lange, wie Sie etwas ansprechen sollen.
Sie bemerken Ärger, sagen aber nichts.
Sie möchten eine Grenze setzen und beginnen gleichzeitig zu überlegen, wie der andere darauf reagieren könnte.
Oder Sie übernehmen Verantwortung für die Stimmung zwischen Ihnen und einem anderen Menschen.
Dann kann die Aufmerksamkeit sehr schnell nach außen gehen:
Wie geht es dem anderen?
Was erwartet er?
Wie kann ich einen Konflikt verhindern?
Dabei kann die eigene Erfahrung leiser werden.
Was empfinde ich?
Was möchte ich?
Was wäre für mich stimmig?
Stress kann deshalb auch etwas darüber sichtbar machen, wie wir in Beziehung mit anderen und mit uns selbst sind.
Wenn frühere Erfahrungen heute noch eine Rolle spielen
Manche dieser Reaktionen haben eine längere Geschichte.
Vielleicht war es einmal wichtig, Stimmungen anderer Menschen früh wahrzunehmen.
Besonders verlässlich zu sein.
Konflikte zu vermeiden.
Viel Verantwortung zu übernehmen.
Oder eigene Bedürfnisse zurückzustellen.
Solche Anpassungen können auch im Zusammenhang mit Entwicklungstrauma stehen.
Das bedeutet nicht, dass anhaltender Stress automatisch durch frühe Erfahrungen verursacht wird.
Arbeitsbedingungen, Beziehungen, finanzielle Belastungen, körperliche Gesundheit und viele andere Faktoren können eine wichtige Rolle spielen.
Für manche Menschen kann es jedoch hilfreich sein zu verstehen, warum bestimmte Situationen heute besonders schnell inneren Druck auslösen.
Stress aus NARM-Perspektive
Im NeuroAffective Relational Model (NARM™) interessiert uns nicht nur die Frage:
„Wie bekomme ich meinen Stress weg?“
Wir können zunächst neugierig darauf werden, was gerade geschieht.
Was denken Sie über sich, während Sie unter Druck stehen?
Was fühlen Sie?
Was bemerken Sie körperlich?
Welche Impulse tauchen auf?
Und wie gehen Sie in diesem Moment mit sich selbst um?
Gleichzeitig interessiert uns, was Sie für sich möchten.
Vielleicht möchten Sie gelassener mit einer bestimmten Situation umgehen.
Eine Grenze früher wahrnehmen.
Nicht jede Verantwortung sofort übernehmen.
In einem Konflikt bei sich bleiben.
Oder nach einem Arbeitstag tatsächlich aufhören können.
Damit bekommt Stress einen anderen Kontext.
Wir versuchen nicht nur, einen unangenehmen Zustand zu regulieren.
Wir interessieren uns dafür, wie Sie sich in diesem Moment erleben und welche Möglichkeiten heute zur Verfügung stehen.
Zwischen Impuls und Handlung
Veränderung muss dabei nicht groß beginnen.
Vielleicht bemerken Sie zunächst nur:
Ich will gerade sofort antworten.
Ich möchte automatisch Ja sagen.
Ich merke, wie ich mich unter Druck setze.
Ich versuche gerade wieder, alles zu lösen.
Das bedeutet noch nicht, dass Sie anders handeln müssen.
Aber Sie bemerken etwas, das vorher vielleicht automatisch geschehen ist.
Und manchmal entsteht genau dort ein kleiner Raum.
Vielleicht antworten Sie fünf Minuten später.
Vielleicht sagen Sie:
„Ich überlege es mir.“
Vielleicht merken Sie, dass Sie eigentlich Nein sagen möchten.
Oder Sie stellen fest, dass Sie eine Aufgabe übernehmen wollen – diesmal jedoch nicht ausschließlich aus Druck.
Der äußere Stress muss dadurch nicht verschwinden.
Aber die eigene Reaktion darauf muss vielleicht nicht mehr ganz so selbstverständlich sein.
Wenn Stress und Erschöpfung zusammenkommen
Wenn Belastung über längere Zeit anhält und Erholung zunehmend schwerfällt, kann Stress in starke Erschöpfung übergehen.
Dann können Fragen nach Leistung, Verantwortung, eigenen Grenzen und dem Gefühl, immer weiter funktionieren zu müssen, besonders wichtig werden.
Dazu schreibe ich ausführlicher im Artikel Burnout – wenn Funktionieren immer mehr Kraft kostet.
Anhaltende Erschöpfung, Schlafprobleme, starke körperliche Beschwerden oder andere deutliche Veränderungen sollten zusätzlich medizinisch abgeklärt werden.
Ein erster Schritt
Vielleicht muss Stress nicht sofort verschwinden, damit sich etwas verändern kann.
Manchmal beginnt Veränderung damit, genauer zu bemerken:
Was geschieht gerade mit mir?
Was möchte ich eigentlich?
Und was macht es schwierig, diesem Wunsch zu folgen?
Mit zunehmender Bewusstheit kann zwischen einer vertrauten Reaktion und dem nächsten Schritt etwas mehr Raum entstehen.
Nicht immer.
Nicht in jeder Situation.
Aber vielleicht oft genug, damit neben dem automatischen Reagieren langsam wieder etwas anderes möglich wird:
Wahl.
Rafael Prentki
Heilpraktiker für Psychotherapie · NARM™ Practitioner



