Spiritualität kann Halt, Orientierung und Sinn geben. Gleichzeitig kann die Vorstellung davon, wie wir sein sollten, manchmal den Kontakt zu unserem eigenen Erleben leiser werden lassen.
Spiritualität begleitet Menschen in sehr unterschiedlichen Formen.
Religion.
Meditation.
Gebet.
Retreats.
Philosophische oder spirituelle Lehren.
Für manche Menschen entsteht daraus ein tiefes Gefühl von Orientierung und Verbundenheit. Andere suchen darin Antworten auf Fragen, für die sich kaum Worte finden lassen.
Wer bin ich?
Was trägt mich?
Was gibt meinem Leben Sinn?
Was verbindet mich mit anderen Menschen – oder mit etwas, das größer ist als ich selbst?
Spirituelle und religiöse Wege können dafür wertvolle Räume eröffnen.
Und manchmal entsteht dabei gleichzeitig etwas anderes.
Aus einer Orientierung wird eine Vorstellung davon, wie wir sein sollten.
Liebevoller.
Demütiger.
Vergebender.
Bewusster.
Reiner.
Gelassener.
Dann kann neben der spirituellen Suche ein leiser innerer Druck entstehen.
Bin ich schon so, wie ich sein sollte?
Wenn ein spirituelles Ideal auf unser tatsächliches Erleben trifft
Vielleicht kennen Sie einen Gedanken wie:
Eigentlich sollte ich vergeben können.
Und gleichzeitig ist da Wut.
Oder:
Ich müsste doch dankbarer sein.
Und gleichzeitig spüren Sie Enttäuschung.
Vielleicht möchten Sie gelassen sein und merken, dass etwas in Ihnen protestiert.
Oder Sie versuchen, Mitgefühl zu empfinden, während ein anderer Teil eigentlich eine Grenze setzen möchte.
Keine dieser Erfahrungen muss gegen Spiritualität sprechen.
Interessant kann vielmehr werden, was geschieht, wenn unsere unmittelbare Erfahrung nicht zu dem Bild passt, das wir von uns haben möchten.
Wie gehen wir dann mit uns um?
Versuchen wir, das unangenehme Gefühl möglichst schnell loszuwerden?
Bewerten wir uns dafür?
Oder können wir einen Moment neugierig darauf werden?
„Ich weiß, ich sollte vergeben.“
Dieser Satz kann sehr unterschiedliche Bedeutungen haben.
Vielleicht ist Vergebung tatsächlich ein tiefer Wunsch.
Vielleicht ist sie Teil eines religiösen oder spirituellen Weges.
Und vielleicht steht neben diesem Wunsch gleichzeitig etwas anderes.
Verletzung.
Wut.
Trauer.
Ein Nein.
Oder schlicht die Erfahrung:
Ich bin noch nicht dort.
Dann muss die therapeutische Frage nicht lauten:
Wie kann ich endlich vergeben?
Vielleicht können wir zunächst fragen:
Wie ist es für mich, dass ich gerade nicht vergeben kann oder möchte?
Damit wird das spirituelle Ideal nicht entwertet.
Aber das gegenwärtige Erleben bekommt ebenfalls einen Platz.
Wenn Spiritualität Teil unseres Selbstbildes wird
Wir alle entwickeln Vorstellungen davon, wer wir sind.
Vielleicht erleben wir uns als hilfsbereit, stark, unabhängig oder besonders verantwortungsvoll.
Auch Spiritualität kann Teil einer solchen Identifikation werden.
Ich bin ein spiritueller Mensch.
Ich bin jemand, der nicht urteilt.
Ich bin jemand, der vergeben kann.
Ich sollte über solchen Dingen stehen.
Solche Vorstellungen können Orientierung geben.
Schwierig kann es werden, wenn bestimmte Erfahrungen dadurch keinen Platz mehr bekommen.
Wenn Wut nicht zu dem Menschen passt, der wir sein möchten.
Wenn ein Nein sich egoistisch anfühlt.
Wenn Zweifel wie ein Versagen erscheinen.
Oder wenn eigene Bedürfnisse mit einem spirituellen Ideal von Selbstlosigkeit in Konflikt geraten.
Dann kann aus einer ursprünglich hilfreichen Orientierung ein innerer Konflikt entstehen.
Spiritualität und Scham
Gerade dort kann Scham eine wichtige Rolle spielen.
Nicht nur:
Ich habe etwas falsch gemacht.
Sondern:
Mit mir stimmt etwas nicht.
Vielleicht bin ich nicht weit genug.
Nicht bewusst genug.
Nicht liebevoll genug.
Nicht diszipliniert genug.
Nicht spirituell genug.
Scham kann dazu führen, dass wir uns selbst beobachten und korrigieren, anstatt neugierig wahrzunehmen, was tatsächlich in uns geschieht.
Dann wird aus einem spirituellen Weg möglicherweise eine weitere Möglichkeit, Anforderungen an uns selbst zu stellen.
Das muss nicht bedeuten, dass die spirituelle Praxis falsch ist.
Interessant ist vielmehr:
Wie bin ich mit mir, während ich diesen Weg gehe?
„Ich möchte demütiger sein.“
Auch hinter diesem Wunsch können unterschiedliche Erfahrungen stehen.
Vielleicht ist Demut eine tief empfundene spirituelle Qualität.
Vielleicht bedeutet sie, sich als Teil eines größeren Ganzen zu erleben.
Und vielleicht steckt manchmal auch eine vertraute Bewegung darin:
sich kleiner machen,
die eigene Kraft zurückhalten,
die eigenen Bedürfnisse weniger wichtig nehmen.
Von außen können diese Bewegungen ähnlich aussehen.
Innerlich können sie etwas völlig Unterschiedliches bedeuten.
Deshalb interessiert uns aus NARM-Perspektive weniger, ob eine bestimmte Haltung „richtig“ oder „spirituell“ ist.
Interessanter ist:
Was geschieht in mir, während ich versuche, so zu sein?
Spiritualität aus NARM-Perspektive
Das NeuroAffective Relational Model (NARM™) ist keine spirituelle Lehre.
Es gibt keine bestimmte Vorstellung davon vor, was ein Mensch glauben oder wie er Spiritualität leben sollte.
Für mich entsteht jedoch eine interessante Berührung zwischen therapeutischer und spiritueller Erfahrung.
NARM richtet die Aufmerksamkeit immer wieder auf das gegenwärtige Erleben.
Was geschieht gerade?
Was fühle ich?
Was denke ich über mich?
Was bemerke ich körperlich?
Was möchte ich?
Und was geschieht, wenn ich diesem Wunsch näherkomme?
Dabei können auch innere Konflikte sichtbar werden.
Der Wunsch zu vergeben und die vorhandene Wut.
Die Sehnsucht nach Verbundenheit und das Bedürfnis nach Abgrenzung.
Der Wunsch nach Hingabe und gleichzeitig die eigene Autonomie.
Vielleicht müssen wir nicht sofort entscheiden, welche dieser Erfahrungen spiritueller oder richtiger ist.
Vielleicht dürfen wir zunächst wahrnehmen, dass beide zu unserem gegenwärtigen Erleben gehören.
Wenn wir nicht wissen müssen, was richtig ist
Spirituelle Systeme können Antworten geben.
Manchmal sind diese Antworten hilfreich.
Manchmal kann jedoch auch das Nichtwissen einen eigenen Raum eröffnen.
Was geschieht, wenn ich für einen Moment nicht wissen muss, wie ich sein sollte?
Wenn ich nicht sofort entscheiden muss, ob meine Wut angemessen ist?
Ob ich vergeben sollte?
Ob ich egoistisch bin?
Ob ich bereits „weit genug“ bin?
Vielleicht entsteht dann etwas sehr Einfaches.
Ein Moment, in dem wir tatsächlich bemerken können, wie es uns geht.
Nicht als endgültige Wahrheit.
Sondern als gegenwärtige Erfahrung.
Wenn Verbindung geschieht
Manchmal gibt es in therapeutischen Gesprächen Augenblicke, in denen etwas ruhiger wird.
Nicht weil wir versucht haben, Ruhe herzustellen.
Vielleicht wurde etwas ausgesprochen, das lange zurückgehalten wurde.
Vielleicht darf ein Gefühl da sein, ohne sofort erklärt oder verändert werden zu müssen.
Vielleicht erlebt ein Mensch einen Moment lang, dass er mit etwas, wofür er sich bisher geschämt hat, in Beziehung bleiben kann.
Solche Augenblicke möchte ich nicht definieren.
Manche Menschen erleben darin einfach Erleichterung.
Andere sprechen von Verbundenheit.
Von Weite.
Von einem offenen Herzen.
Und manche würden vielleicht ein spirituelles Wort dafür verwenden.
Für mich ist weniger entscheidend, wie wir diese Erfahrung nennen.
Interessanter ist, dass für einen Moment weniger getrennt werden muss.
Nicht entweder Wut oder Liebe.
Nicht entweder Autonomie oder Verbindung.
Nicht entweder Zweifel oder Glaube.
Vielleicht kann mehr von unserem Erleben gleichzeitig da sein.
Spiritualität muss uns nicht von uns selbst wegführen
Vielleicht liegt darin eine mögliche Verbindung zwischen Spiritualität und therapeutischer Arbeit.
Nicht darin, einen bestimmten Zustand zu erreichen.
Und auch nicht darin, spirituelle Vorstellungen aufzugeben.
Sondern darin, neugierig zu bemerken, wie wir mit uns selbst in Beziehung sind, während wir nach Sinn, Verbindung oder etwas Größerem suchen.
Hilft uns unser spiritueller Weg, unserem Erleben näherzukommen?
Oder entsteht daraus ein weiteres Bild davon, wie wir sein müssten?
Beides kann geschehen.
Und vielleicht dürfen wir auch hier immer wieder neu hinschauen.
Spiritualität kann Halt geben.
Sie kann Gemeinschaft schaffen.
Sie kann Hoffnung, Sinn und Orientierung ermöglichen.
Und vielleicht kann sie gleichzeitig ein Raum sein, in dem wir uns nicht von unserem Menschsein entfernen müssen.
Mit unserer Liebe.
Unserer Wut.
Unseren Zweifeln.
Unseren Grenzen.
Unserer Sehnsucht.
Und allem, was wir noch nicht wissen.
Vielleicht geschieht Verbindung gerade dort, wo nichts davon ausgeschlossen werden muss.
Rafael Prentki
Heilpraktiker für Psychotherapie · NARM™ Practitioner



