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Angst vor der Angst

Angst ist etwas, worüber Niemand redet und doch Jeder hat. Über Angst zu reden, gehört zu den unangenehmen Dingen des Lebens, redet man jedoch darüber, kann es wahre Wunder bewirken.

Ich habe lange gebraucht, um dieses Thema hier anzureißen, den ich gehe selbst mit großem Respekt daran, mit dem Wissen, dass es uns allen schwerfällt, sich der eigenen Angst zu stellen.

Groß ist die Angst vor der Angst.

Stark wirken die alten Glaubenssätze, „solange wir nicht über Angst reden, wird es nicht schlimmer“. Ja, ich denke, da ist was dran. Schließlich haben wir gelernt, oft damit allein sein zu müssen und vielleicht kennen wir Momente, in denen die Empfindung der Angst schwer aushaltbar war.

Ich verstehe das gut, den Kindern, wie auch Erwachsenen fehlt oftmals die Fähigkeit intensive Gefühle zu halten. Wir als Erwachsene können jedoch diese Kapazität neu erlernen, bzw. uns daran erinnern.

Und wie viele von uns kennen die liebevolle Frage von früher “Hey, wie geht es Dir wirklich?“.
Angst ist wie alter Kaugummi unterm Schuh, unangenehm und irgendwie immer dabei. So ganz loswerden kann man sie nicht.

Wie man mit ihr besser leben kann, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Ich schreibe darüber, weil ich Menschen Mut machen möchte, sich der Angst achtsam zu nähern und ihr nicht davon zu laufen. Ich möchte ihnen helfen, die Angst besser zu verstehen und ihnen so neue Wege aufzeigen.

 

Reale Angst vor Krankheit und Tod

 

Ich denke, dieses Thema ist gerade wegen COVID und wegen der Realität des Todes, die natürlich immer ein Teil der menschlichen Erfahrung ist, aktueller als in den vergangenen Jahren.

Mir scheint es, dass wir mit diesem Thema noch nicht fertig sind und es ist dringlicher denn je, darüber zu sprechen.

In diesem Zusammenhang kann es nützlich sein, wenn wir sowohl von Angst vor Krankheit als auch von Angst vor dem Tod zu sprechen. Diese Begriffe gehen oft einher.

Bereits in den Ursprüngen der Psychologie gingen deren Urväter von unterschiedlichen Ursachen bei der Angst vor dem Tod aus.

Rein biologisch ist es völlig natürlich, dass wir eine reale Angst vor dem Verlust haben, vor dem Tod und davor, was danach kommt. Wir haben eine natürliche Angst vor dem Unwissendem sowie davor Menschen zu hinterlassen. So ist uns auch klar, dass einige Krankheiten zum Tode führen können.

Das Ausmaß, in denen Menschen darin stecken bleiben und beharren und darüber nachgrübeln variiert von Menschen zu Menschen.

Auch meiner Erfahrung nach, hat ein Großteil unserer Angst mehrere Ursachen.

Sie ist oftmals eine Reaktion auf eine Dynamik, die mit frühen Bindungs-und Beziehungsproblemen herrührt, vielleicht sogar Schocktraumata.

Es sind also unaufgelöste Erfahrungen aus der Vergangenheit, die die Angst vor dem zukünftigen Tod ausmachen.

 

Angst vor dem Tod ist eine intime und individuelle Erfahrung

 

Wenn ich anfange mit dem Klienten die Angst vor dem Tod zu erforschen, möchte ich verstehen, wie er das sieht, den jeder erfährt sie auf seine ganz persönliche Art und Weise.

Für manche Menschen hat es mit der Angst zu tun, dass sie sich nicht vorstellen können, nicht mehr existieren zu können. Für andere geht es eher darum, die Verbindung zu ihren Lieben zu verlieren oder sich allein und verloren im Universum zu fühlen.

Menschen reagieren also auf ihren Kampf mit der Angst vor dem Tod auf verschiedene Art und Weise.

Betrachten wir einmal diese Dynamiken aus der Perspektive der Bindung und ihrer Entwicklung.

So erfahren wir, dass diese Menschen oftmals dazu neigen sich mit existenzieller Bedrohung auseinanderzusetzen. Sie grübeln darüber nach und fokussieren den sehr frühen Bindungsverlust und die damit verbundene Angst vor dem Sterben, oder einer sehr frühen Krankheit bei sich selbst oder einem Elternteil.

Ich kenne Ärzte, die einen Elternteil durch Herzversagen verloren haben und sich heute mit der Kardiologie beschäftigen.

Hier sehen wir, dass andere Dynamiken ins Spiel kommen.

Wir erleben es auch daran, dass sich die Furcht dieser Menschen ihr Leben lang in einer Erregung des Nervensystems wiederspeigelt. Diese wird regelmäßig und andauernd erlebt.

Menschen mit dieser Furcht kommen aus verschieden Gründen in die Praxis und haben ihren eigenen Weg sie zu benennen.

Bei manchen drückt sie sich in Phobien aus. Einige äußern sie als Angst vor dem Tod oder Krankheit.
Tatsächlich ist es besser seine Angst zu benennen, auch wenn es nicht immer gleich klar ist, was diese Angst konkret ist.

Viele der Menschen tragen sie lebenslang mit sich, sie grübeln und fokussieren den Tod, anstatt diese zu spüren.

Wenn ein Klient in die Praxis kommt und erzählt, er war bereits bei vielen Therapeuten und hat keine Fortschritte gemacht, lade ich ihn dazu ein, für einen kurzen Moment die Todesangst beiseitezulegen und mit mir über die Angst vor dem Leben zu sprechen.

Beim näheren Ergründen dieser größeren Dynamik lässt sich erkennen, dass Menschen, ein bereits erlebtes Ereignis in die Zukunft projizieren.

Mit anderen Worten, wir haben Angst vor etwas und merken zum Beispiel nicht, dass wir das etwas auf eine andere Art und Weise bereits durchgemacht haben.

 

Angst vor dem Bindungsverlust

 

Wir können davon ausgehen, dass Menschen in ihrer frühen Entwicklung Elemente ihres Wesens aufgeben mussten und bereits eine Bindungsbeziehung, Liebesbeziehung verloren haben, als sie es am meisten brauchten.

Mit Bindungsbeziehung meine ich, dass Kinder ihre Beziehung zu ihren Versorgern schützen müssen, denn ohne diese Bindung laufen sie Gefahr zu sterben. Das Erfüllen ihrer Bedürfnisse und somit ihr Überleben hängt von dieser Beziehung ab.

Die Angst vor dem Verlust dieser Bindung tragen wir ein Leben lang mit uns. Sie prägt das, was wir über uns denken und wie wir handeln. Um die Bindung zu schützen, nahmen wir Anpassungen vor, die unser heutiges Leben ausmachen.

Eine andere Folge der Angst vor dem Verlust der Bindung ist die Angst vor dem Verlust der Liebesbeziehung zu uns selbst.

Wenn unsere Wut und unser Zorn als Kinder größer ist als die Liebe selbst, trennen wir uns von unserem Herzen, indem wir die Schuld auf uns nehmen und uns unsere Eltern weiter als die Guten betrachten.

Die Art und Weise mit dieser Erfahrung umzugehen und das Erlebte zu verarbeiten, führte dazu, neue Handlungsstrategien zu entwickeln.

Manche Menschen mit der Thematik der Autonomie haben Angst, dass sie nicht geliebt werden, wenn sie aufstehen und ihre Wahrheit sagen.

Der Kern dieses Dilemmas ist es, wenn ich zeige, wer ich wirklich bin, werden sie mich nicht lieben.
Tatsächlich handelt es sich dabei, um eine bereits vergangene Erinnerung, die in die Zukunft wirkt und sie auf ihre eigene Art und Weise bestimmt.

Säuglinge zeigen sich auf eine natürliche Art und erfahren im Laufe ihrer weiteren Entwicklung erst durch Ablehnung, dass es gefährlich sein kann, sich selbst zu sein.

Schließlich geht es um den Aspekt der Sicherheit. Die Schutzfunktion unseres Verstandes steht dabei primär im Vordergrund. Auf der Ebene des Gehirns stellt es einen Versuch dar, bereits Erlebtes in der Zukunft zu vermeiden.

Die einst nützlichen Prozesse, welche wir als Kinder erlernten und unser Leben schützten, führen wir bis ins Erwachsenenalter fort, sie schränken nun unser Leben stark ein.

Mir ist es bewusst, dass es eine echte Angst vor dem Tod gibt sowie eine Art biologisch begründete Angst vor dem Tod. Wir sind darauf programmiert zu überleben. Dies ist einer unserer primären Instinkte.

Allerdings können wir nicht behaupten, dies sei die einzige Quelle der Angst. Es würde bedeuten, dass wir übersehen, dass die Angst vor dem Verlust der Bindung, die Angst selbst antreibt.

Man kann sagen, dass für einen Säugling die Bindung das Leben selbst ist. Sie, um jeden Preis aufrechtzuerhalten, bedeutet überleben. So hat der Säugling gleichzeitig auf einer Ebene mit der Angst vor dem Tod zu tun.

Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass es nicht um den Verlust der Bindung zu unseren wirklichen Eltern ist, sondern vielmehr um die Angst vor dem Bindungsverlust zu unseren primären Bezugspersonen, also unseren psychologischen Eltern.

Hier geht es nicht um reale Personen, denn unsere Eltern sind nicht mehr die, die es einst waren. Als Erwachsene haben wir die Zeit längst hinter uns, als wir noch von ihnen abhängig waren, Unterkunft und Nahrung zu erhalten und von denen wir glaubten, sie wären die einzigen, die uns Liebe geben könnten.

Die Angst vor Bindungsverlust, welche wir einst verinnerlicht haben, lässt sich jedoch auf intime Beziehungen übertragen, sei es in Partnerschaften, Gruppen, oder auf ein Publikum.

Auftrittsangst, die Angst, sich zu schämen und beschämt zu werden. Die Angst vor dem Bindungsverlust, also vom Publikum nicht gemocht, abgelehnt und beschämt zu werden hat Auswirkungen auf das öffentliche Reden.

Diese Dynamik lässt sich auf viele verschiedene Bereiche des Lebens übertragen und kommt bei Erwachsenen in unterschiedlicher Wirkung zum Vorschein.

 

Tod und Sterben, Überlegungen

 

In Einigen Traditionen hilft ein achtsames Todesbewußtsein, sich mit dem jetzigen Leben auseinanderzusetzen.

Die Realität des Todes anzuerkennen, bedeutet gleichzeitig sich mit dem zu beschäftigen, was man in dem Hier und Jetzt nicht loslassen kann.

Dies können zum Beispiel Menschen, der eigene Körper, oder unerfüllte Projekte sein.
Wir sind biologische Wesen, die über die Zukunft und die Gewissheit des Todes nachdenken können und damit den Moment tiefer und bewusster wahrnehmen.

Das interessante Paradoxon ist, dass Menschen, die voller und reicher leben, sich mehr bereit für den Tod fühlen.

Es hilft ihnen dabei anzuerkennen, dass sie ihr Leben voller leben können, ohne all die Dinge zu vermeiden, die wir zu vermeiden pflegen.

Der Tod ist immer da, er erinnert uns daran, dass Du ein Mensch bist, dass Du in diesem Moment lebst.
Die Angst vor dem Tod, vor der Zukunft bedeutet Ungewissheit und diese ängstigt uns.

Man muss sich einmal überlegen, wie viele Menschen sich damit beschäftigen, vorauszusagen, was in der Zukunft passieren wird. Mittlerweile ist es eine ganze Industrie. Wie sehr beruht ihr Urteil auf vergangene Erlebnisse?

Die einen sind mehr, die anderen weniger am Puls der Zeit. Jedoch wurden wir immer wieder aufs Neue überrascht, dass die Dinge, die uns sorgen, nicht die sind, welche uns treffen.

Ich denke es ist an der Zeit, uns mit den ungelösten Erfahrungen zu beschäftigen und uns emotional sowie biologisch zu vervollständigen.

Die Dinge fangen sich durch Akzeptanz unserer Ängste und dass wir nicht mehr vor ihnen weglaufen, zu verändern.

Ziel meiner NARM- Arbeit ist es, Euch dabei zu unterstützen innere Zuversicht und das Vertrauen zu finden, um in der Lage zu sein, immer offenherziger zu sein.

Dein Rafael Prentki